TEIL 1: Was hat Adi Hütter im Spiel gegen den Ball bei der Borussia verändert?

PODCAST: MAX EBERL CASTER-CLASS

In der BorussiaExplained Analyse geht es um Adi Hütter und dessen Einfluss auf den defensiven Fußball der Borussia. Was hat sich im Spiel gegen den Ball unter dem Österreicher verändert? Ein Blick auf verschiedene Daten, in der Kombination mit Spielszenen sollen in der nun folgenden Analyse einen Überblick über die Defensive verschaffen.

Die Offensive wird in der nächsten Länderspielpause, in Teil 2 der Analyse, ebenso beleuchtet.

Intensiveres Verteidigen

Die Borussia führt mehr Zweikämpfe gegen den Ball. Mit 67,5 Defensivduellen je 90 Minuten führt die Elf von Adi Hütter die zweitmeisten defensiven Zweikämpfe.
In der Vorsaison 20/21 führte man pro Spiel 6 Zweikämpfe gegen den Ball weniger, obwohl die Mannschaft damals im Schnitt fast 4% weniger Ballbesitz hatte.

Abbildung 1: Wyscout

Die häufig geführten Zweikämpfe um den Ballgewinn, leiten sich aus dem mannorientierten Anlaufen her.
Dieses Anlaufen führt und verwickelt öfter in Duelle, wo es in Zweikämpfe geht. In der Vorsaison unter Marco Rose, war man bedacht, im Verbund anzulaufen, Räume eng zu machen, um den Gegner zu Fehlern zu zwingen. Adi Hütter wählt den direkteren, zweikampfbetonteren Ansatz.
Gegen den FCA, BVB und VfL Wolfsburg ließ sich das Zustellen in Mann-gegen-Mann-Zuteilung beobachten:

Abbildung 2
Abbildung 3
Abbildung 4
Abbildung 5

Die Fohlenelf hat dabei Verbesserungspotenzial, die direkten 1-gegen-1-Duelle für sich zu behaupten. Mit 57,9% gewonnen Defensivzweikämpfen hat man den viert-schlechtesten Wert. Dieser hat sich zur Vorsaison auch kaum verbessert (57,6%).

Abbildung 6

Hannes Wolf führt statistisch die meisten Duelle gegen den Ball, mit 15,09 je 90 Minuten.
Die beste defensive Zweikampfquote hat hingegen Manu Kone mit 88,89% bei 5,91 Duellen pro Spiel.

Abbildung 7: Wyscout
Abbildung 8: Wyscout

Anzahl der Tacklings gestiegen

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Borussia intensivere defensive Aktionen hat, ist die Anzahl an durchgeführten Tacklings, unterteilt in die jeweiligen Spielfelddrittel.

(Werte je 90 Minuten)20/2121/22Wertveränderung zur Vorsaison
    
Tacklings defensives Spieldrittel7,568,86+1,3
Tacklings mittleres Spieldrittel6,9110,57+3,66
Tacklings offensives Spieldrittel23,29+1,29
Tacklings insgesamt16,4722,71+6,24
Abbildung 9: Werte von Fbref.com
Abbildung 10: Werte von Fbref.com

Besonders das mittlere Spieldrittel ist eine Zone geworden, in der man aktiv versucht, Ballgewinne in jeglicher Form zu erzielen. Adi Hütter steht für Umschaltspiel, dafür ist das Mittelfeldpressing die Grundlage.
Das Tor gegen FC Bayern München, aus dem ersten Spieltag, verdeutlichte, wie die Borussia aus dem Mittelfeld heraus, Ballgewinne erzielen möchte:

Abbildung 11
Abbildung 12
Abbildung 13

Die Statistik zeigt aber auch, dass sich die prozentuale erfolgreich-durchgeführte Tacklings-Quote um fast 9% verschlechtert hat.

 20/2121/22Wertveränderung zur Vorsaison
%-Erfolgsquote der Tacklings61,79% (346 v. 560)52,83% (84 v. 159)-8,96%
Abbildung 14: Werte von Fbref.com

PPDA-Werte zeigen: Die Borussia presst öfter im Angriffsdrittel, als in der Vorsaison

Der PPDA-Wert (Passes per defensive action – „Pässe pro Defensivaktion“- Definition: Es werden Pässe des Gegners in deren Verteidigungsdrittel gezählt, bis es zu einer defensiven Aktion kommt, z.B. Zweikampfführung, abgefangener Ball, Grätsche, Foul) beträgt im Moment 8,66. Dies ist der viertbeste Wert in der BuLi. Gegenüber der Vorsaison erlaubt die Borussia im Schnitt 3,87 Pässe weniger, bis es zu einer Defensivaktion kommt.

Das unterstreichen auch die allgemeinen Pressingvorgänge:

(Werte je 90 Minuten)20/2121/22Wertveränderung zur Vorsaison
    
Pressingvorgänge defensives Spieldrittel40,9139,861,05
Pressingvorgänge mittleres Spieldrittel66,6273+6,38
Pressingvorgänge offensives Spieldrittel33,9738,57+4,6
Pressingvorgänge insgesamt141,5151,43+9,93
Abbildung 15: Werte von Fbref.com


Auch die Erfolgsquote ist, trotz der deutlich häufigeren Pressingversuche, gestiegen.

 20/2121/22Wertveränderung zur Vorsaison
Prozentsatz der erfolgreichen Pressingvorgänge29,8%32,5%+2,7%
Abbildung 16: Werte von Fbref.com
Abbildung 17: PPDA-Werte der Top14 BuLi-Vereine; Wyscout

Fragestellung der Spielanalyse: Ist die Borussia defensiv stabiler geworden?

Adi Hütter und seine Prinzipien gegen den Ball sind durch die bisherigen Daten und Statistiken aufgezeigt worden. Ein aktives Verteidigen, in allen Spielfeldzonen, aber vor allem dann, wenn der Gegner an die Mittelinie gelangt. Doch diese Spielweise wurde, vor allem am Anfang, von der Mannschaft nicht adaptiert.

Die ersten drei Spieltage: Zu passives Verteidigen

In den ersten drei Spieltagen musste Adi Hütter schmerzlich erfahren, zwar welch Potenzial die Mannschaft hat (1:1 gegen den FC Bayern), aber auch, welche Probleme diese (seit der Vorsaison bereits) gegen den Ball hat (4:0 und 2:1 Niederlagen in Leverkusen & Berlin).

Bereits gegen den FCB ließen sich in einzelnen Momenten passive Verhaltensmuster gegen den Ball beobachten, in der die Bayern mittels Chipbällen hinter die letzte Kette der Fohlenelf kamen. Der Druck auf den jeweiligen Passgeber war nicht gegeben. Klar ist auch: Gegen Bayern München ist das Spiel ein wenig auszuklammern, vor allem, weil der Einsatz (30 ausgeführte Tacklings, bis heute der zweitbeste Wert dieser Saison) und die Laufbereitschaft (121,8 km / 229 Sprints) stimmten.

In den darauffolgenden Spielen ließ man sich, weil man zu passiv verteidigte, auskontern und dadurch bestrafen.

Die beiden Niederlagen in Leverkusen und Berlin zeigten dieses gut auf:

Die Passivität kam beim dritten Treffer der Leverkusener auf, nachdem das Gegenpressing nach einem Ballverlust nicht vorhanden war. Leverkusen konterte, und am zweiten Pfosten fand man Diaby, der einnetzen konnte.

Abbildung 18

So auch bei Union Berlin, als beide Gegentore durch passives Zweikampfverhalten und fehlende Aggressivität im Spiel gegen den Ball, fielen.

Kramer ließ – nach Ballverlust von Jordan Beyer – Max Kruse leicht aufdrehen, der dann verlagern konnte und somit das Tor zum 1:0 einleitete (5-gegen-2 Überzahlspiel).

Abbildung 19

Nach eigener Ecke ließ man sich auskontern, und wurde dann auf der letzten Linie zu passiv. Kruse konnte den Steckpass spielen, Awoniyi das Tor zum 2:0 erzielen.

Abbildung 20

Insgesamt war dies eine Aneinanderreihung aus individuellen Fehlern (Sommer beim 1,- sowie 4:0 in LEV, Beyers Ballverlust beim 1:0 gegen Union), vor allem aber eine Fehlerkette vom passivem Verhalten gegen den Ball.

Der zweite Block: Nun aktiver und stabiler gegen den Ball. Aber: kapitale individuelle Fehler sorgen für Gegentore und für Punktverluste

Die Borussia punktete nach der ersten Länderspielpause mit 9 Punkten aus vier Spielen und lediglich drei kassierten Gegentoren. Das Gegentor in Augsburg schmerzt am ehesten, weil dieses zumindest das Unentschieden kostete.

Zwar hatte man auch gegen Bielefeld wacklige 10-15 Minuten über das Spiel verteilt, aber man war deutlich stabiler in der Defensive. Vor allem wurde die Konterabsicherung, auch durch die erstmals aufgestellte 3er-Kette, verbessert.

Abbildung 21: Ballgewinn um den freien Ball durch die Halbraumbesetzung vom aufgerückten Jordan Beyer

Der individuelle Fehler von Florian Neuhaus, der den Fehlpass und den damit eingeleiteten Konter von Bielefeld spielte, sorgte für das einzige Gegentor im Spiel.

Abbildung 22: Fehlpass Neuhaus, Konter Bielefeld.

So auch der individuelle Fehler von Nico Elvedi, der zum einzigen Torschuss von Augsburg führte.
Die Staffelung für den gespielten langen Ball des FCA, war in der folgenden Situation gut, doch Elvedi unterschätzte den Ball, sodass dieser über den Fuß sprang:

Abbildung 23

Gegen Bielefeld und Augsburg ließ man bereits wenig zu, die aktivere Konterabsicherung, durch stabiles Gegenpressing, war vor allem gegen Bielefeld der Schlüssel. Der FCA operierte mit vielen langen Bällen, sodass dort ein Gegenpressing – zumindest in hohen Spielfeldzonen – oft nicht möglich war. Dennoch waren die Positionierungen von den langen Bällen gut, sodass kaum Gefahr abging.

Stabile Defensivleistungen gegen Dortmund und Wolfsburg

Die stabilen defensiven Leistungen zuvor, wurden nun durch starkes aktives Verteidigen gegen den Ball verstärkt. Gegen beide Gegner wurden die meisten Pressingvorgänge vollzogen und die dritt- bzw. die meisten Tacklings ausgeführt. Vor allem führte die verstärkt eingesetzte Mannorientierung im Anlaufen dazu (siehe Abb. 3-5).

Gegen den BVB spielte man in der Bundesliga-Saison 21/22 das erste Mal „zu Null“, eine Woche später wurde man zwar 15-20 Minuten passiv, aber im Ganzen dennoch aktiv, sodass man dort die meisten Tacklings (32) und Pressingausübungen verzeichnen konnte (186x).

Auch in diesen Spielen setzte man auf die 3er-Kette, welche durch physisch starke, körperliche Spieler, wie Kone und Zakaria unterstützt wurde.

Abbildung 24

Fazit nach den ersten sieben Spieltagen

Logischerweise konnte das Team noch nicht die komplette Spielweise des neuen Trainers Adi Hütter adaptieren.
Die erschwerten Bedingungen in der Vorbereitung sind allen bekannt, sodass gerade in den Auswärtsspielen in Leverkusen und Union gruppentaktische Fehler gemacht worden sind, die auf zu passives Verhalten zurückzuführen sind.
Nach dem ersten Block gelang es dem Team rund um Adi Hütter zumindest in der Konterabsicherung stabiler zu werden, sodass man weniger Konter des Gegners zu ließ.

Das aktivere Verteidigen wurde dann gegen den BVB angekurbelt, die mannorientierte Zustellung eingebracht und somit Zugriff auf dem ganzen Feld gewonnen.
Nach dem Sieg in Wolfsburg steht fest: Die Borussia führt die meisten Tacklings aus, liefert sich mit dem Gegner die zweitmeisten Duelle um den Ballgewinn und versucht eine aktivere letzte Verteidigungskette spielen zu lassen.
Die Konstanz, dieses über 90 Minuten halten zu können, fehlt noch. Auch das offensive Umschaltspiel, welches sich auf Balleroberungen beruft, darf sich definitiv noch verbessern. Dazu näheres in Teil 2, in der nächsten Länderspielpause auf BorussiaExplained.de.

Doch die Hauptaufgabe für Adi Hütter und Borussia Mönchengladbach wird bleiben: Das Spiel gegen den Ball über 90 Minuten aktiv zu halten. Dazu ist man auf einem guten Weg!

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