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Pokalaus in Darmstadt – Die Fohlen verlieren unnötig – Spieltaktische Analyse

Pokalaus in der zweiten Runde in Darmstadt. Eine in der Entstehung total unnötige, sowie vermeidbare Niederlage.

Pokalaus in der zweiten Runde in Darmstadt. Eine in der Entstehung total unnötige, sowie vermeidbare Niederlage. Trotz der erneut schwachen ersten 20 Minuten im Spiel gegen den Ball, hatte die Borussia mit Ball genug Potenzial entwickelt, um Torchancen zu kreieren. Die Auflösungen ins Angriffsdrittel funktionierten zu genüge. Wieso die Fohlen im letzten Drittel zu „gierig“ wurden, und wie die Darmstädter – wie schon Werder Bremen auch – unsere Flügel attackierten, findet ihr hier.

Eine Analyse von Deniz.

 

@DenizimHalbraum

Darmstadts Flügelüberladungen in der Spieleröffnung

Die Fohlen agierten mannorientiert im Spiel gegen den Ball. Aus der teils asymmetrischen 3-2 Aufbaustruktur der Darmstädter stellte Hofmann als Zehner den zentralen IV zu, während Thuram + der ballnahe Flügelspieler gegen die restlichen IV agierten.
Lieberknecht nutzte dieses Verhalten aus, indem er die Flügel überlud und Scally mit seinem 1,90m Stürmer Tietz band, der ein Ausbrechen des RV auf Darmstadts linken Flügelverteidiger verhinderte. So konnte der Keeper entweder über Tietz direkt eröffnen (s. erste folgende Abb.), oder im Rücken von Ngoumou seinen Mitspieler per Chip finden (s. Video).

Attackieren der Flügel von SVD und Anlaufverhalten BMG

Durch die Mannorientierung der Fohlen konnten die Halbverteidiger Darmstadts die AV Netz und Scally über ihre Fügelverteidiger frühzeitig rausziehen und die Tiefe im Rücken attackieren.

Teils hatten die Flügelverteidiger tief-kommende Positionierungen, wenn die Halbverteidiger nicht wie in der oberen Abb. auffächerten, sondern eingerückt eröffneten. Durch diagonale Pässe von den Flügeln ins Zentrum in die letzte Linie, konnten die Flügelspieler im Anschluss direkt tief bespielt werden.
Dadurch, dass die restliche Kette auf die Flügel verschieben musste, ergab sich ballfern am zweiten Pfosten meist ein freier Gegenspieler.

So auch beim Führungstreffer, in der die Staffelung im Zentrum nicht stimmte. Dynamisch – aus der Situation heraus – übernahm Hofmann Pleas LF Rolle, während letztere allerdings den Sechser im Zentrum nicht zustellte (dynamisch kann theoretisch Thuram dies erkennen und den Gegenspieler aufnehmen). So war Darmstadts Sechser im Zwischenraum frei, auf den Kone rausrücken musste, welcher später fehlte, um die Tiefenläufe hinter Netz aufzunehmen.

Am Ende entstand gegen die Verschiebebewegung der Kette ein 3vs1 gegen Scally.

 

Führungstreffer SV Darmstadt – 23. Spielminute

Pressing- und Anlaufverhalten SVD

Lieberknechts Elf agierte im Anlaufen Mann auf Mann und lenkte frühzeitig in erster Linie, um Passoptionen für Sommer/Sippel zu schließen.
Die Kette agierte zudem aggressiv im Ausbrechen und ging die Mannorientierungen auch mit in die gegnerische Hälfte hinein.
Das Ziel war klar:
BMG früh zu langen Bällen zwingen und diese mit kopfballstarken IV einsammeln.
Besonders Innenverteidiger Pfeiffer gewann alle seine vier Kopfballduelle im Spiel (Quelle: sofascore.com).

BMG Lösungen auf Darmstadts Pressing

Im tiefer Spieleröffnung agierte BMG im Zentrum typisch:
Viele Spieler überluden das Zentrum; fielen flach und tief-kommend und dabei wurden Zwischenräume vergrößert.

Die Fohlen versuchten die Mannorientierungen im Zentrum von Darmstadts 1-2 Block zu nutzen und Plea als freien Fuß zu finden.
Allerdings griffen Sommer und Co. zu häufig und zu früh zur langen Variante, die mittels Ablagen von Thuram Zielspieler Plea finden sollte.
Die Elf von Daniel Farke suchte zu früh die Rückpassoption zu Sommer, die SVD forcierte, statt in der Diagonalität (Passfenster waren offen) das Spiel offen zu verlagern.

Rautenformen bringen die Fohlen regelmäßig ins Angriffsdrittel

Zunächst erklärt, verteidigte der Gastgeber besonders im vorderen Block des 5-3-2 / 5-3-1-1 sauber und schloßen auf Ballseite stets die Verbindungspunkte im ballfernen Halbraum, um direkte Verlagerung zu verhindern (und somit selbst lange Verschiebungswege).
Dabei hatten die Stürmer qualitativ hochwertige Rückwärtspressingaktionen, die im Deckungsschatten die genannten Spieler schlossen. Verlagerten die Fohlen über eine Ecke, rückte der ehemals ballferne Stürmer ein, um Weigl zu schließen, während der ballnahe die Rückpassoption zu Friedrich schloss.
Dennoch boten sich in den Schnittstellen Passfenster, die BMG nutzen konnte.

 

SV Darmstadt im 5-3-1-1 Block; verhindern direkte Verlagerungen

Durch die 2-Raute-4 Raumaufteilung, in der Scally dynamisch fiel, konnten die Wingbacks rausgezogen werden, die den Sechser dazu zwangen passiv zu handeln, da sich in letzter Linie Gleichzahl bildete, versuchte dieser den Zwischenraum zu kontrollieren. Hofmann konnte im Halbraum aufdrehen und Plea in den Zwischenlinien finden.

Baute die Borussia aus einer asymmetrischen Rautenformation auf, in der Kone sich links fallen ließ und sich somit 3-Raute-3 Strukturen ergaben, fungierte Plea als Zehner, der von ausbrechenden IV begleitet wurde (Kone zog durch seine Positionierung einen Achter auf die Flügel raus).
Den Raum konnte Borussia in der Übergabe nicht final finden, da oft die Anbindung aus der letzten Linie fehlte:
Ngoumou hat das Profil für Tiefenläufe hinter die Kette und blieb in der Linie kleben. So auch Thuram, der im Zentrum den Zwischenraum eher nicht besetzt und ebenfalls Tiefe attackiert.

Zu gierig im Angriffsdrittel

Die Borussia fand also regelmäßig das Angriffsdrittel. Das Problem war die Gier nach dem Tor. Die Tiefe wurde meist zu früh und zu riskant gesucht, in Situationen, in denen sich Räume noch weiter ergeben hätten, wenn man mit Ball weiter Meter überbrückt hätte.
Zur Wahrheit gehört auch: Ja, frühe Tiefe zu bespielen macht gegen eine sonst gut geordnete Darmstadt-Elf Sinn. Wie engmaschig deren Staffelung im eigenen Drittel sein kann, zeigten die letzten zehn Minuten.

Ausgleichstreffer nach Farke´s Geschmack

Besonders Alassane Plea hatte viele direkte Tiefenbälle im Spiel, die er meist im ersten Kontakt suchte. Im Moment des Führungstreffers zeigte sich auf, welche Klasse der Spielmacher haben kann, wenn er neben der Gier, auch die nötige Geduld mitbringt.
Die Muster dazu waren, die der in HZ1 ähnlich. Stindl kam für Hofmann, und füllte die Rolle noch tiefer-kommender aus, sodass Ngoumou öfters den Halbraum besetzen musste, während Scally weiter hochschob.

 

Ausgleichstreffer BMG – Luca Netz 48. Spielminute.

Die zweite Halbzeit: zu wenig Mut in der Spieleröffnung

Wie in der ersten Halbzeit bereits, so auch in der zweiten Halbzeit: Die Borussia verlor in Phasen des Spiels den Mut im Aufbau, über Verlagerungen das Spiel weiter offen zu gestalten.
Besonders ab der 70. Minute spürte man den Darmstädtern eine gewisse Müdigkeit an, die sie durch ihr intensives Spiel gegen den Ball inkl. Mannorientierungen, als Tribut zollten. Dies bestrafte BMG nicht; ganz im Gegenteil:
Die Borussia spielte sich frühzeitig auf den Flügeln fest und zwangen sich selbst zu langen Bällen.

Das entscheidende Gegentor schluckte Gladbach, als sie breit auffächerten und den Gegner breit ziehen wollten.
Der gezielte Raum für den Chipball hinter den Achtern im Zwischenraum war gegeben, den Sippel allerdings semi-optimal trifft.
Durch die breite Auffächerung der IV, war Elvedi im 1vs1 gegen Seydel gefangen. Friedrich konnte nicht mehr aushelfen.

Fazit

Das Spiel verlor Gladbach nicht im Offensivspiel. Die ersten 15-20 Minuten beeindruckte besonders die letzte Linie, die mit vielen langen Bällen und einer grundaggressiven Art und Weise von Tietz, Manu und attackierenden Achtern, nicht überrollt wurde, jedoch der Schneid abgekauft werden konnte.
Die Flügel hatten die Fohlen zwar nicht durchgängig offen, jedoch zu oft nicht im Besitz der Eigenkontrolle. Das erste Gegentor fällt – typisch für so ein Spiel – als die Zuordnung, aufgrund dem gezwungenen Positionswechsel von Hofmann und Plea, nicht gegeben war und BMG das Zentrum verlor.
Danach waren die Fohlen im Spiel nach vorne zu gierig, zu ungeduldig. Die Tiefe wurde zu früh bespielt, die daraus resultierenden Ballverluste konnten im Gegenpressing kaum aufgefangen werden, weil die Nachrücker nicht schnell genug nachrücken konnten.
Dadurch entwickelte sich besonders in der ersten Halbzeit keine richtige Druckwelle, trotz Ballkontrolle.
Die zweite Halbzeit begann geduldiger in den Momenten, und handlungsschnell im Kopf. Nachdem Ausgleichstreffer hatten die Fohlen mehr Ruhe und Geduld, verloren sich jedoch zwischendurch erneut im ständigen Umschaltspiel, im Willen, die Tiefe (Ngoumou) zu finden. Die Ruhe war somit gegen Mitte/Ende der zweiten Halbzeit auch in der Spieleröffnung erneut ein wenig abhanden gekommen.

Allgemein ein gutes Spiel der Darmstädter, jedoch gleichzeitig auch kein schlechtes der Fohlen.
Das 1:0 fällt durch ein Zuordnungsproblem, weil Spieler in der Situation in ungewohnten und ungewollten Positionen standen. Das zweite Gegentor entsteht aus einem krassen individuellen Bock von Sippel.
Die Borussia wurde nicht überrollt, sie hatten kein Mentalitätsproblem. Ganz im Gegenteil: Die Jungs waren im Offensivspiel zu gierig, sie wollten zu früh, zu schnell und waren ungeduldig.
Kein Indiz, wie manch ein Fan deuten mag, für Mentalitäts-, Einstellungs- oder andere diverse mentale „Probleme“.

Ein Prozess, ein Weg, eine Entwicklung. Die Borussia ist trotz dem unnötigen Pokalaus auf dem absolut richtigen Weg!

3 Antworten auf „Pokalaus in Darmstadt – Die Fohlen verlieren unnötig – Spieltaktische Analyse“

Wir müssen uns daran gewöhnen, dass die Zeiten des spektakulären Pressings unsererseits zum Glück vorbei sind.
Was leider viele aber immer noch nicht verstehen und dann in die „die-haben keine Mentalität etc -Kiste“ greifen, ist, dass Farke ein klares Konzept vorgibt: Fokus auf die Sicherung des Zentrums, dafür die Außen offen lassen. Oder einfach formuliert: Spielkontrolle > frühe Balleroberungen im vordersten Drittel.
Sieht unspektakulär und abwartend aus, bringt aber mehr als vorne anzulaufen und der Kollege schließt nicht auf und die Kettenreaktion setzt ein – wie beim 1:0 schön anschaulich dargestellt.
Dazu ist die Wichtigkeit eines Aufbaus in Überzahl gegen das tiefe Pressing elementar, wie bei Sipoels Fehlpass zum Siegtor erkennbar ist.
Also, wie in jedem Spiel: Lerneffekte nutzen und umsetzen. Wir sind auf dem richtigen Weg und haben Geduld und Überzeugung, auch und vor allem gegen die ganzen Mentalitätsfetischisten.

Danke für die wie immer prima Analyse. Ich habe trotzdem eine Frage zur viel diskutierten Mentalität und die Gier zu gewinnen.
Warum fällt es uns gegen körperlich an der Grenze agierenden Mannschaften immer so schwer ins Spiel zu kommen und warum verschlafen wir so oft die Anfangsphase?

Wow, werde ich jetzt regelmäßig lesen!
Das Wording ist noch ungewohnt, aber es beschreibt ziemlich genau wie ich es auch empfunden/wahrgenommen/gesehen habe. Die Kunst dieses in Worte/Taktik zu fassen, großes Kino! Bravo!

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