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Mehr Toskana am Niederrhein! Was Gladbach von AC Florenz 21/22 lernen kann

Ich habe mir Gedanken gemacht, um weitere Reizpunkte zu finden, die Borussia Mönchengladbach helfen würden, um flexibel auf gegnerische (defensive) Ausrichtungen reagieren zu können.
Wie verhält man sich zum Beispiel gegen ein 4-2-3-1 des Gegners, der im Mittelfeldpressing agiert? Wie umspielt man das hohe gegnerische Anlaufen, um im Ballbesitz zu bleiben? Welche Rolle spielen dabei einzelne Protagonisten?

Dafür ist AC Florenz, die in der vergangenen Saison Siebter wurde und sich somit für die Conference League qualifizierte und für ihr Ballbesitzspiel bekannt war, ein gutes Beispiel. Mit durchschnittlich 58,5% Ballbesitz hatte das Team von Trainer Vincenzo Italiano den höchsten Ballbesitzanteil der italienischen Liga 21/22.

Eine Analyse von Deniz (@DenizimHalbraum).

Seit der Ankunft von Neu-Trainer Daniel Farke herrscht eine neu entfachte Euphorie rund um den Verein. Nicht nur die Fans sind wieder Feuer und Flamme, auch die Spieler freuen sich über die neuen Reizpunkte, die Roland Virkus und Co. mit dem neuen Trainer geschaffen haben.

Christoph Kramer sagte im Interview über Daniel Farke: „Der Trainer ist die wichtigste Person im Verein, er gibt die Stimmung vor, er gibt vor, was gemacht wird. Wenn das passt, ist es entscheidend. Ich habe ein gutes Gefühl bei Daniel Farke: Das wird gut. Ich merke es in den ersten Einheiten, dass er gut ist. Man merkt es in der Ansprache, wie er uns mitnimmt, was er für einen Fußball spielen lassen will, man hat direkt ein anderes Trainingsniveau.“

Und auch über die Stimmung äußerte sich der Mittelfeldakteur überaus positiv: „Ich glaube, alle haben jetzt wieder das Gefühl, dass etwas Neues, etwas Vernünftiges entsteht. Und ich glaube, dass es wichtig ist, dass mit dem neuen Trainer wieder ein neuer Reiz gesetzt wird, gerade wenn man mit dem Kader wieder weitgehend zusammenbleibt. So wird eine Stimmung erzeugt, dass man es besser machen möchte. Man darf nie vergessen, wie wichtig eine Stimmung rund um einen ist, damit man mit möglichst viel Spaß dahinfährt. Das gilt für alle.“

Auch Florian Neuhaus schließt sich an: „Das neue Spielsystem mit viel Ballbesitz wird mir helfen, meine Stärken auf den Platz zu bringen. Mir gefällt das Komplettpaket, der Gesamtauftritt. Spielidee, Training, Ansprache, das sieht für mich alles sehr rund aus. In den Besprechungen finde ich mich wieder und denke: ja, das hört sich gut an und ergibt alles Sinn. Generell empfinde ich die Stimmung als sehr positiv. Innerhalb der Mannschaft, aber auch im Umfeld, bei den Fans. Es macht einfach Spaß gerade, wir haben richtig Bock auf das Neue.“

Die „Rückkehr“ zum Ballbesitzfußball, den einst Marco Rose mit Vertikalität ergänzte, ehe Adi Hütter die „Revolution“ zum reinen Pressing- und Umschaltspiel entwickeln wollte, ist mit Daniel Farke perfekt.
Das gefällt auch den Spielern. Logisch, denn: Das Spiel mit dem Ball, aus dem Positionsspiel Angriffe einzuleiten, durchzuführen und zu vollenden, treffen die Stärken des Grundkaders sehr gut.

Doch, welche Ansätze können Borussia Mönchengladbach unter Daniel Farke verfolgen, um das Ballbesitzspiel zu forcieren?
Die Muster, die sich in Farkes Zeit in Norwich beobachten ließen, sind analysiert und hier , sowie hier zu finden.

Ich habe mir Gedanken gemacht, um weitere Reizpunkte zu finden, die Borussia Mönchengladbach helfen würden, um flexibel auf gegnerische (defensive) Ausrichtungen reagieren zu können.
Wie verhält man sich zum Beispiel gegen ein 4-2-3-1 des Gegners, der im Mittelfeldpressing agiert? Wie umspielt man das hohe gegnerische Anlaufen, um im Ballbesitz zu bleiben? Welche Rolle spielen dabei einzelne Protagonisten?

Dafür ist AC Florenz, die in der vergangenen Saison Siebter wurde und sich somit für die Conference League qualifizierte und für ihr Ballbesitzspiel bekannt war, ein gutes Beispiel. Mit durchschnittlich 58,5% Ballbesitz hatte das Team von Trainer Vincenzo Italiano den höchsten Ballbesitzanteil der italienischen Liga 21/22.
Dabei ließen sich einige Muster erkennen, die interessant wirken und für Gladbach einige Beispiele liefern, wie man ballbesitzorientiert agieren kann.
Folgende Spiele der Fiorentina wurden primär analysiert:

Inhaltsverzeichnis

  1. Asymmetrie Biraghi
    -> 1.1 3er-Kette
    –> 1.1.1 Verhalten im Ballbesitz
    –> 1.1.2 Verhalten im ballfernen Positionsspiel
    –> 1.1.3 Asymmetrie Benassi
    –> 1.1.4 Anlocken
    –> 1.1.5 Locken – long-line-Pässe
    –> 1.1.6 Locken – Durch das Zentrum, auf die Flügel
  2. Einrücken Odriozola
    -> 2.1 Verhalten im Positionsspiel
    –> 2.1.1 Verhalten im Einrücken – 2+3 Staffelung
    –> 2.1.2 Diagonale Linienbildung
    –> 2.1.3 Einrücken zum Eigennutz des langen Balles
  3. Breitstehende Achter
    -> 3.1 Abkippen
    –> 3.1.1 Diagonale und ballferne Lösung
    –> 3.1.2 Halbraum frei spielen
    –> 3.1.3 Flügel frei spielen
    –> 3.1.4 Variante Vlahovic (Mittelstürmer)
  4. Borussia Mönchengladbach-Version
    -> 4.1 Dynamischer 3er-Aufbau
    –> 4.1.1 Welche Rolle spielen Innen- und Außenverteidiger, Sechser und Achter?
    –> 4.1.2 Welche Rolle kann Ko Itakura spielen?
    -> 4.2 Anlocken
    –> 4.2.1 Flache Außenverteidiger
    –> 4.2.2 Welche Folgen entstehen, wenn aus einer 3er- oder 4er-Kette aufgebaut wird?
    –> 4.2.3 Flexibles und dynamisches Füllen einer 3er-Kette, die zu einer 4er-Kette wird, durch Abkippen der Sechser/Achter
  5. Schlussgedanken

Analyse von Deniz (@DenizimHalbraum):
Mehr Toskana am Niederrhein!
Was Gladbach von AC Florenz 21/22 lernen kann.

1.0 Asymmetrie Biraghi

Im Aufbauspiel werden Prinzipien und Muster deutlich, auf die Trainer Vincenzo Italiano setzt. Aus der 4-3-3 Grundordnung entsteht im Aufbau eine asymmetrische 4er-Kette, in der sich meist Linksverteidiger Biraghi auf einer Höhe der Innenverteidiger befindet, während der ballferne Rechtsverteidiger in die letzte Linie schiebt.

1.1.1 Verhalten im Ballbesitz

Biraghi im Aufbauspiel

Der italienische Linksverteidiger sorgt somit oft für nummerische Überzahl in erster Linie. Während der Gegner im folgenden Clip im 5-3-2 anlief, hatte Biraghis Position neben der Aufgabe für Überzahlsituationen zu sorgen, den Zweck, den rechten Achter aus der Mittelfeldlinie raus zu ziehen.
Lässt sich dieser nicht raus locken, so kann sich Biraghi dynamisch ins Offensivspiel einschalten und im Spielübergang auf den Flügeln für Überzahl sorgen.

Durch seine flache, aber breite Positionierung kann Biraghi den rechten Achter des Gegners ebenfalls breit rausziehen, der damit bspw. den Raum für den eigenen Mitspieler im Raum öffnet.

1.1.2 Verhalten im ballfernen Positionsspiel

Biraghis ballferne Positionierung

Im obigen Clip ist zu sehen, welche Rolle der Linksverteidiger annimmt.
Durch die situative flache 4er-Kette kann der 29-Jährige auf die rechte Seite verlagern. Biraghi schaltet danach nicht ab, er rückt ein und stellt eine Verbindung zur Ballseite her, um selbst wieder in der Verlagerung eine Option darzustellen.
Es entsteht im finalen Positionsspiel in der gegnerischen Hälfte ein asymmetrisches 3-2-5, welches Biraghi erlaubt höher zu stehen, als seine Innenverteidiger, während Odriozola ballfern in letzte Linie rein schiebt.
Biraghis technisch-taktischen Verständnisse sind ausgeprägt und ist ein Taktgeber im Spielgeschehen bei Ballbesitz, sodass er Angriffe einleitet und Tiefenbälle rein spielt.

1.1.3 Asymmetrie Benassi

Rechtsverteidiger Benassi im Positionsspiel, Biraghi bildet 3er-Kette

Im Clip ist zu sehen, wie dynamisch sich die 3er-Kette im Aufbau verhält. Benassi hebt seine zunächst flache Positionierung in der Kette auf, und rückt in die letzte Linie im Halbraum ein.
Der Sinn und Zweck dessen ist, dass Benassi damit den Raum im Aufbau für RIV Milenkovic vergrößert, indem er Gegenspieler Perisic mitzieht. Milenkovic hat im Moment des Passspiels Raum, weil ihn Perisic nicht pressen kann, und Stürmer Martinez die Wege gehen muss.

1.1.4 Anlocken

Das Thema „Gegner anlocken“ spielt hierbei auch eine Rolle. Biraghis flache Positionierung, sowie die recht große Distanz der verschiedenen Mannschaftsteile und dessen Zwischenraumbesetzung, verleitet den Gegner früh zum pressen.

Dadurch das Barella als rechter Achter Linksverteidiger Biraghi presst, ist in der Verlagerung der Raum für Achter Duncan da, der sich im Rücken dessen postiert hat.
Durch die eben beschriebenen Abläufe von Benassi, hat Milenkovic zwar einen „langen“ Passweg in die letzte Linie vor sich, jedoch war dieser gezielt eröffnet und vorher eben angelockt.

1.1.5 Locken – long-line-Pässe

Gegner durch flache Positionierungen anlocken, Gleichzahl in letzter Linie, Tiefenbälle spielen

Das Anlocken des Gegners ist ein wichtiger Punkt im Ballbesitz, gerade gegen Teams, die verhältnismäßig tiefer stehen.
Gegen Inter Mailand löste Florenz das Pressing auch durch flache Positionierungen der 4er-Kette auf. Inter presste im 3-5-2, dies bedeutete für die Wingbacks Darmian und Perisic auf Biraghi und Benassi zu achten. Beide standen tief, somit lockten die Außenverteidiger diese und fanden Raum im Rücken dessen.
Der „long-line-Pass“ ist hier auch deshalb möglich, weil die Sechser/Achter der Fiorentina hier zentral positioniert sind und Gegenspieler dort binden.
Somit entstand eine Drei-gegen-Drei Situation, die Gonzalez am Flügel lösen konnte.
Perisic hatte einen zu weiten Weg, um den Torschützen am zweiten Pfosten zu sichern.

1.1.6 Locken – Durch das Zentrum, auf die Flügel

Im Zentrum anlocken

Inter Mailand und Trainer Inzaghi reagierten darauf, indem sie in 4-4-2 Staffelungen pressten, um die Flügel zu kontrollieren.
Dies hatte jedoch zu Folge, dass sich das Zentrum für Florenz öffnete.
Im oben gezeigten Video ist zu sehen, wie erneut die flache 4er-Kette und die Doppel-Sechs den Zwischnraum für Gonzalez im Zentrum öffnen, während Achter Duncan und Linksverteidiger Biraghi die Flügel besetzen.
Des Weiteren hatte Florenz den Vorteil, dass sie durch Gonzalez und Vlahovic im Zentrum nicht nur die gegnerischen zwei Innenverteidiger banden, sondern auch LV Bastoni, der für Überzahl sorgen wollte.
Im Gegenzug öffnete sich damit am rechten Flügel der Raum hinter Perisic erneut (der wieder Benassi zustellt).

Im Ballbesitzspiel in der gegnerischen Hälfte erkennt man, wie die flache Positionierung von Benassi Perisic regelmäßig rauslocken ließ. Die Flügelbesetzung streckt zudem die 4er-Kette Inter Mailands sehr (da Bastoni und Darmian breit stehen müssen), welches zentrale Zonen, aber vor allem Halbräume öffnet.

2.0 Einrücken Odriozola

Das Einrücken vom Rechtsverteidiger Odriozola hat mehrere Gründe für das Aufbauspiel der Fiorentina.
Dadurch wird eine Position im Halbraum besetzt, ohne dabei die relative Breite zu verlieren.

Odriozola´s Einrücken

2.1.1 Verhalten im Einrücken – 2+3 Staffelung

Odriozola´s Position im Halbraum, auf einer Linie mit Torreira und Biraghi, bindet den gegnerischen linken Achter.
Dabei ist wichtig, dass dadurch das Passfenster auf die Flügel, in die letzte Linie, geöffnet wird.
Steht dort zum Beispiel ein Linksfuß auf der rechten Außenbahn, so kann das Attackieren der Diagonalen Bahn eine logische Konsequenz sein, da dieser die Innenbahn bevorzugen wird.
Durch das Binden des Achters kann i. d. F. Gonzalez zudem ins direkte Eins-gegen-Eins Duell, weil Odriozola das Doppeln auf den Außen unterbindet.

2.1.2 Diagonale Linienbildung & Einrücken zum Eigennutz des langen Balles

Im Aufbauspiel gegen höher pressende Gegner versucht Trainer Vincenzo Italiano Gegenspieler im Zentrum durch seine Sechser/Achter zu binden – auch aus Gründen des Anlockens.
Um dennoch genug Passoptionen zu gewährleisten, die nicht sofort die Tiefe attackieren sollen, geht es um diagonale Passfenster, um Pressinglinien des Gegners zu überspielen.

Im Clip lässt sich beobachten, wie Odriozola im Rücken von Gegenspieler Insigne eine diagonale Linie bildet. Biraghi spielt den Pass nicht, dennoch hatte das Einrückverhalten die Konsequenz, dass Insigne auf dessen reagierte und sich zurückfallen ließ. So konnte Biraghi zumindest ohne sofortigen Gegnerdruck Milenkovic anspielen.

Zudem unterstützt Odriozola die Vorbereitung des lang gespielten Balles, indem er im gegnerischen Pressing im Zentrum eine zusätzliche Option darstellt, den der Gegenspieler zustellen muss.

Napoli presste im 4-2-3-1, welches drei zentrale Spieler (Doppel-Sechs und Zehner) beinhalten. Zehner Zielinski musste Odriozola somit zustellen, welche in anderen Zonen Unterzahl bedeutete, weil Florenz mit dem Rechtsverteidiger eine zusätzliche Option im Zentrum, neben Duncan, Bonaventura und Pulgar, gewann. Effektiv gewann Duncan den eröffnenden Raum, als Zielspieler Vlahovic erfolgreich auf den Achter ablegen konnte.

3.0 Breitstehende Achter

Das Verhalten der Achter ist im Aufbauspiel ein wichtiges. Durch Anpassungen oder Umstellungen können Spieldynamiken beeinflusst werden. Dazu lieferte das Ligaheimspiel der Fiorentina gegen Sassuolo ein Beispiel.

AC Florenz baute aus einer 2er-Kette auf, während beide Außenverteidiger höher schoben, der Sechser zwischen den gegnerischen Stürmern – eine Linie höher – stand und beide Achter in den Halbräumen dahinter positioniert waren.
Sassuolo presste im 4-2-3-1 geschickt, da der Zehner stets Torreira als Sechser schloss und gleichzeitig den freien Innenverteidiger pressen konnte. Die Flügelspieler stellten diagonale Passfenster zu den Außenverteidigern zu, sodass Fiorentina Probleme hatte raumgewinnende Bälle zu spielen.

3.1 Abkippen

Trainer Vincenzo Italiano passte vor allem Bonaventura´s Position (Achter) an und ließ ihn seitlich neben RIV Milenkovic fallen, sodass sich dynamisch ein 3er-Aufbau ergab.
Durch die simple, aber wirkungsvolle Anpassung, hatte die Fiorentina zumindest zwei gewonnene Passfenster, die Sassuolos Linien brechen konnten.

3.1.1 Diagonale und ballferne Lösung

Diagonale und ballferne Lösung

Ein Aspekt, der nicht zwingend was mit Bonaventura´s Positionsspiel zu tun hat, aber mit der Besetzung des Raumes, ist die diagonale, ballferne Lösung.
Durch die leichte Überladung auf die rechte Ballseite (LIV rückt zentral ein, RIV schiebt diagonal hoch in den Halbraum, Bonaventura bindet gegnerischen LM Außen) verschiebt Sassuolo stärker mit. Die Präsenz in letzter Linie der Stürmer von Florenz, sorgen dafür, dass Sassuolos Rechtsverteidiger arg einrücken muss, sodass die diagonale Seitenverlagerung für Milenkovic zu Biraghi möglich ist.

3.1.2 Halbraum frei spielen

Halbraum frei spielen

Im Clip wird deutlich, dass Boga (Sassuolos linker Flügelspieler) eine andere Aufmerksamkeitsspanne für Bonaventura aufbringt, da er weiß, dass der Italiener im Ballbesitz mehr Präsenz entwickeln kann, als sein ehemaliger Gegenspieler und Rechtsverteidiger Odriozola. Wieder überlädt Florenz vorsichtig die rechte Seite, Boga lässt sich breiter rausziehen, als sonst, und der vertikale Pass in den Halbraum öffnet sich für Milenkovic, den Callejon empfängt.
Dabei ist der Sechser Sassuolos machtlos. Rückt er zu Callejon auf, öffnet er die diagonale Bahn, in der Torreira stoßen kann. So schließt er diesen Raum, aber die vertikale Zone.
Dies zwingt den Innenverteidiger auf diesen aufzurücken, während Odriozola den rechten Flügel besetzte und im Timing den Lauf ansetzt. Durch einfaches Kombinationsspiel konnte der Rechtsverteidiger in der Tiefe gefunden werden.

3.1.3 Flügel frei spielen

Flügel frei spielen

Eine ähnliche Szene führt dazu, dass Boga gezwungen wird zu reagieren. Während er im vorherigen Beispiel breit zustellt, rückt er in diesem Clip ein, um nicht erneut das Halbfeld zu öffnen.
Da gibt jedoch Milenkovic die Möglichkeit, Odriozola Außen direkt anzuspielen, auch weil Bonaventura das Passfenster durch seine eingerückte Position im Halbfeld offen lässt.
Zwar traut sich der Spanier nicht, in die Offensivaktion überzugehen, jedoch hätte dieser mehrere Möglichkeiten gehabt:
– Diagonale Bahn andribbeln oder diagonales Zuspiel in die Spitze
– Vertikale Bahn andribbeln oder long-line-Pass spielen.

3.1.4 Variante Vlahovic (Mittelstürmer)

In mehreren Beispielen aus Ballbesitz- und Spielaufbauphasen, in den beispielsweise die Asymmetrie von Links- und Rechtsverteidiger, aber auch dessen grundsätzliche Positionierungen aufgezeigt werden, wird bereits deutlich, welche Rolle Vlahovic (Mittelstürmer, wurde im Winter 2021/2022 zu Juventus Turin verkauft) einnimmt.

Da die Bahn in die Spitze aufgerissen werden muss, um Zielspieler Vlahovic außerhalb von langen Bällen zu erreichen, ist es wichtig, dass sich die Achter dementsprechend bewegen.
Im Beispiel 1.1.3, als dort Benassis Positionsspiel aufgezeigt wird, wird bereits deutlich, dass Bonaventuras Lauf aus dem Halbraum auf die Flügel wichtig war, um Milenkovic die Bahn für den Pass zu öffnen.

Auch in diesem Beispiel ist zu erkennen, dass Duncan als linker Achter arg auf die Flügel fällt und sich nicht im Halbraum befindet. Die Mannorientierung, die Darmian dynamisch annahm, hätte die Passlinie und den tiefsten Pass (zu Vlahovic) verhindert.
Mit dem Zuspiel in die Spitze, zieht sich die gegnerische Kette zusammen, sodass sich auch hier weite Räume ergeben, die genutzt werden können.

4.0 Borussia Mönchengladbach – Version

Welche Schlüssel kann Borussia Mönchengladbach daraus ziehen? Welche Stärken sind im Kader derzeit gegeben, die solche und/oder ähnliche Muster ermöglichen?

4.1 Dynamischer 3er-Aufbau

Die 4er-Kette wird im Aufbau meist zu einer 2er-Kette, in der beide Innenverteidiger den Spielaufbau primär übernehmen.
Das kann Sinn machen, denn je nach Interpretierung dessen, kann eine 2er-Kette ausreichen, um gezielte Winkel zu bespielen.

Klar ist aber auch, dass im 3er-Aufbau diese auf der (halb-) linken, sowie (halb-) rechten Seite gegeben sind.
Unter Daniel Farke in Norwich wurde erkennbar, dass Mittelfeldspieler dynamisch die erste Linie im Aufbauspiel füllten, um daraus einen 3er-Aufbau zu gestalten.

4.1.1 Welche Rolle spielen Innen- und Außenverteidiger, Sechser und Achter?

Unter Trainer Adi Hütter baute die Borussia statisch aus der 3er-Kette auf, die zudem den Unterschied beinhalteten, dass diese mit reinen Innenverteidigern besetzt wurde, da sich in der Formation gegen den Ball eine 5er-Kette bildete.
Diese von rein Innenverteidiger aufgestellte 3er-Kette fällt nun weg.
Welche Rolle spielen also die Außenverteidiger und die Sechser/Achter?
In den Florenz Beispielen ist oft Biraghi als Linksverteidiger derjenige, der die erste Linie füllte und den halblinken Part übernahm.
Dies wäre für unsere Außenverteidiger Netz, Scally und Lainer eher unvorteilhaft, da diese ihre primären Stärken im Flügelspiel haben. Bensebaini wäre einer, der diesen Part (überragend) spielen könnte, jedoch ist bei ihm ein Verbleib ungewiss, daher fokussieren wir uns hier auf die Sechser und Achter.

Florian Neuhaus zeigte bereits in den Testspielen gegen Essen und 1860 München, dass er die halblinke Position übernehmen kann, so wie er es bereits unter Marco Rose oft machte.
Der Vorteil, den ein Sechser gegenüber einem nominellen Linksverteidiger in dieser Rolle hat, ist das generelle Spielverständnis dessen, da der Sechser öfter im Spiel in Situationen gelangt, das Spiel durch Freilaufverhalten- und bewegungen, sowie gezielte Zuspiele (vertikal, diagonal, horizontal) anzukurbeln.
Von Nachteil kann sein, dass auf der halblinken Position der starke linke Fuß wegfallen kann. Dies muss kein Nachteil sein, je nachdem, wie der Sechser die Rolle interpretiert, kann es sogar zum Vorteil werden, wenn der gegnerische Flügelspieler mit einem weiteren Zuspiel auf die linke Außenbahn rechnet und somit den Flügel schließt, gleichzeitig die Innenbahn öffnet.
Des Weiteren bringt der Sechser den Vorteil mit, situativ eine 2+2 Staffelung zu bilden und diese tatsächlich zu nutzen, während Biraghi als Linksverteidiger entweder halblinks oder breit auffächerte.

4.1.2 Welche Rolle kann Ko Itakura spielen?

Ko Itakura gilt in einer 3+1 Staffelung als Anker und Verbindungselement auf der Sechser-Position. Diese Rolle wird ihm in seinen Stärken gerecht und diese ließ er bereits im Testspiel gegen 1860 München aufblitzen.
Das Verhalten im Raum, sich so zu positionieren, dass sich entweder (diagonale oder vertikale) Räume für Zuspiele in letzte Linie öffnen, sich ggf. selbst freizulaufen (aus dem Deckungsschatten des Stürmers), oder eben fallen zu lassen (dynamischer 3er-Aufbau), kann Itakura bedienen.
Möchte man also beispielsweise auf Neuhaus‘ tiefe Positionierung verzichten, so kann Itakura diese – seitlich, wie zentral in der Kette – ausfüllen.

4.2 Anlocken

4.2.1 Flache Außenverteidiger

Eine flache 4er-Kette, die durch beide Außenverteidiger unterstützt werden, sind oft Pressingtrigger für den Gegner.
Die meisten Teams versuchen im Anlaufverhalten den Gegner auf eine bestimmte Seite zu lenken. Dass man sie auf eine Seite lenken möchte, beschreibt den vorhin genannten Pressingtrigger.

Norwich, unter Daniel Farke, lockte gerne mit einer flachen 4er-Kette an, wenn der Gegner hoch anlief.
Dazu spielte der Torwart eine große Rolle, der eine 3er-Kette mit beiden Innenverteidiger bildete.
Farke nutzte den Pressingauslöser, um die eigentlichen Zielspieler (Sechser/Achter) frei gespielt zu bekommen, indem die angespielten Außenverteidiger den Ball auf diese klatschen ließen, oder vertikale/diagonale Räume bespielten.
Besonders Itakura als zentraler Sechser wird hier gefordert sein, um für Verbindungspunkte in Ballnähe zu sorgen, während die Achter in den Zwischenlinien schwimmen.

4.2.2 Welche Folgen entstehen, wenn aus einer 4er- oder 3er-Kette aufgebaut und gelockt wird?

Die Vorteile in der 4er-Kette sind diese, dass für den Gegner im Pressing (erste Pressinglinie) ein Spieler mehr zu attackieren ist, als in einer 3er-Kette.
Während zwei Stürmer (oder auch ein Stürmer) meist drei Innenverteidiger anlaufen, würde zum Beispiel ein Zehner oder der ballnahe Flügelspieler zusätzlich benötigt werden, um den 4er-Aufbau im hohen Anlaufen zu kontrollieren.
Der Nachteil hierbei ist, dass die doppelte Flügelbesetzung (z. B. in 4-2-3-1-Staffelungen) eine Option im Halbfeld/ Zentrum nimmt. Daniel Farke präferiert eine Zentrumsüberladung, auch um in Ballnähe stets für Verbindungen und Präsenz zu sorgen.
So deutet dies ab dem mittleren Spielfelddrittel auf einen 3er-Aufbau hin.
Hierbei hat man bspw. in einem 3+2 Aufbau im Normalfall vier Gegenspieler gebunden.

Im Florenz Beispiel wird deutlich, worauf es im Anlocken im Spielübergang ankommt.
Zu sehen ist, wie Torreira als Sechser in kurzen Distanzen zu der 3er-Kette steht, während der restliche Mannschaftsteil höher aufgerückt ist und große Distanzen pflegt, die für kaum Zwischenraumpräsenz sorgen.
Das Ziel im Anlocken ist es, im Rücken der gegnerischen Pressingspieler zu stehen und dies so hoch wie möglich, um im „Überbrückungspass“ – zum Beispiel auf den Mittelstürmer, der klatschen lässt – so viel Raum wie möglich gewonnen zu haben.

Dabei ist es wichtig, dass die letzte Linie gefüllt ist, um die Kette zu binden. Dies sorgt dafür, dass keiner der Verteidiger den Zwischenraum attackieren bzw. sichern kann.

Im konkreten Borussia Mönchengladbach Fall könnte sich ein 4er-Aufbau, wie in der obigen Abbildung, kennzeichnen.
Damit würde man vor allem den Aufbau innerhalb der Kette gewährleisten und die gegnerischen Flügelspieler provozieren, diese früh rauszulocken.
Speziell im Fall eines 3-5-2/3-4-3 des Gegners, ist der Raum hinter dem Wingback eine interessante, um diesen zu nutzen und gleichzeitig den jeweiligen Halbverteidiger vor Probleme stellen.
Dies würde bedeuteten, dass zumindest der ballferne Außenverteidiger in der Kette bleibt, um den 4er-Aufbau zu gewährleisten, wenn der ballnahe (im Beispielbild: Netz) höher schiebt.
Kone eignet sich als abkippender Sechser im 4er-Aufbau eher, als Neuhaus, da er mit Dribblings für dynamische Situationen sorgen und ins Mittelfeld eindringen kann, dabei gleichzeitig drei Mitspieler in der Absicherung hat.

Der 3er-Aufbau gewährleistet mehr diagonale Linien und mehr Dreiecke mit Mitspielern und kann speziell im Anlocken über den Halbraum interessant sein, wenn Flügelspieler und Außenverteidiger in Unterzahl gegen Neuhaus, Netz und Plea geraten.
Neuhaus hat ein starkes Passspiel, welches auch progressiv ist. Diese Rolle ist ihm zudem unter Marco Rose und bereits in den ersten Vorbereitungsspielen von Daniel Farke bekannt.
Lainer kann dabei höher schieben und in Phasen die Tiefe auf dem Flügel attackieren, während Hofmann in gewohnter Besetzung im Halbraum agiert. Kones Physis, Power und Wucht können ihm in seiner Box-to-Box-Player Rolle helfen und sicherlich entgegen kommen.
Thurams Rolle ist in beiden Grundordnungen die Selbe: Während er zwei Gegenspieler bindet, sorgt er entweder für Verbindung, um auf Mittelfeldspieler klatschen zu lassen, oder um für Tiefgang in zentralen Zonen (Halbräume) zu schaffen.

4.2.3 Flexibles und dynamisches Füllen einer 3er-Kette, die zu einer 4er-Kette wird, durch Abkippen der Sechser/Achter

Die 4er-Kette kann auch in höheren Spielfeldzonen mit beiden Außenverteidigern gefüllt werden. Die Kernfrage lautet hier:
Wer gibt der Mannschaft die nötige Breite, wenn es die Außenverteidiger nicht machen?
Plea im 4-2-3-1 bedeutet auf dem Papier die Rolle des linken Flügels, auf dem Platz hat dessen Rolle auf den Außen nichts mit dem zu tun. Zwingt man Thuram auf die Flügel, der sich im Halbraum und Zentrum wohl fühlt, dabei Tiefgang und Eins-gegen-Eins Fähigkeiten mitbringt?
Es deutet auch deshalb vieles darauf hin, dass die Außenverteidiger die Breite besetzen und einer der Achter die jeweilige Halbposition in einem 3er-Aufbau übernimmt, weil Daniel Farke dies in Norwich ebenfalls spielen ließ. Dies macht auch in der Gladbach-Version Sinn, da die Stärken des Kaders auf den jeweiligen Positionen Sinn machen.

5.0 Schlussgedanken

Insgesamt lassen sich bereits in den ersten beiden Testspielen unter Daniel Farke festhalten, dass Muster und Prinzipien im Ballbesitz, sowie Offensivspiel auffallen.
Das Aufbauspiel, welches bisher gegen Gegner stattfand, die eher im Abwehr bis tiefem Mittelfeldpressing agierten, war flexibel und variabel.
Mal baute man in 2+1 auf, sonst auch in 2+2, und vor allem in 3+1 Staffelungen auf.
Neuhaus besetzte die halblinke Position im 3er-Aufbau, während Itakura den Anker-Sechser gab. Yvandro Borges Sanches/Plea und Hofmann agierten gegen 1860 München in den Halbräumen, während Stindl zwischen Zehn und Doppelspitze neben Thuram pendelte.
Scally und Walde besetzten die Breite, vor allem erst genannter wurde von Innenverteidiger Friedrich mit vielen diagonalen Bällen bespielt.

Der AC Florenz ist ein Team, die Grundprinzipien einer ballbesitzorientierten Mannschaft unter Vincenzo Italiano verinnerlicht hat.
Aufbaustrukturen und -staffelungen, Positionsspiel in Zwischenräumen und Binden von Gegenspielern, Freilaufbewegungen- und verhalten, sowie das Spiel in letzter Linie.

Für die Borussia wird es wichtig sein, flexibel und variabel zu bleiben, aber vor allem eine gewisse Pressingresistenz zu verinnerlichen, wie zum Beispiel die Fiorentina.
In einer pressingintensiven Liga, die auf das Umschaltspiel nach Ballgewinn fokussiert ist, werden Gegner ihren Matchplan darauf hinzielen, der Elf von Daniel Farke wenig Spielraum zu geben und Ballgewinne zu erzielen.
Dabei hilft es, wenn Erfolge – gemeint sind nicht primär Endergebnisse, sondern einzelne Situationen, die im Spiel gelingen – eingefahren werden und bei Rückschlägen daran geglaubt wird, das Richtige weiterhin zu tun.
Denn diese Mannschaft hat den richtigen Trainer gefunden, der die Stärken dieser Spieler im Team einsetzen möchte.

Eine Analyse von Deniz (@DenizimHalbraum) – von BorussiaExplained (@BorussiaExpl)


*Alle Videos und Screenshots sind von der Scoutingplattform Wyscout und wurden von mir selbst erstellt.

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