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Kann man aus Fohlen Büffel machen?

Darum muss Borussia „back to the roots“

Wir alle, Verein und Fans, waren uns Ende der Saison 18/19 einig: Borussia braucht einen neuen Touch in ihrer Spielphilosophie. Das geordnete und stets raumverdichtende 4-4-2 von Lucien Favre hatte Andre Schubert ansatzweise aktiviert. Der Versuch endete im Chaos. Mit Dieter Hecking kamen zur Winterpause 16/17 Ordnung und Stabilität zurück. Es mangelte an Entwicklung, sodass wir wieder zur Einleitung zurückkommen. Marco Rose war der Trainer mit aktiver Spielanlage, insbesondere im Verhalten gegen den Ball. Eine auf Gegenpressing fokussierte Spielweise ist die Basis eines aktiven Zweikampfverhaltens.

Nun also Adi Hütter.

Der Österreicher hat von allen Trainern die „angriffslustigste“ Spielweise gegen den Ball im Repertoire. Während Marco Rose mit vermeintlichen Pressingfallen arbeitete, will Adi Hütter ein mannorientiertes Denken im Spiel sehen.

Doppel-6, Abwehrreihen und Spieler, die sich unwohl fühlen

Die Doppel-6 mit Kone und Zakaria ist seit dem BVB-Spiel eine Einheit geworden. Kone bringt mehr Physis in den Zweikämpfen als es Florian Neuhaus tut. Alassane Plea tut sich schwer, da er viel mehr laufen muss. Das gilt besonders für die Aufstellung in der 3er-Kette. Hier steht in der die offensive Zuteilung ein Mitspieler weniger für das Pressing zur Verfügung als in der Spielweise mit 4er-Abwehrreihe. Die Folge: „Lasso“ muss öfter, zuverlässiger und aggressiver anlaufen, als es ihm lieb ist.

Liegt hier das Problem?

Nun stellt sich die Frage, ob dieses physische Mann-gegen-Mann Spiel, das vor allem Mannschaften wie Augsburg, Freiburg, Mainz, Frankfurt und Co. betreiben, wirklich zu dieser Borussia passt. Eine Mannschaft, die ihr Potenzial nicht abruft, aber spielerisch gute Anlagen besitzt. Eine Mannschaft, die mehr als Platz 14 im Petto. Liegt hier das Problem?

Die Fohlen spielen Fohlen-Style

Borussias Spielintelligenz ist unbestritten. Lars Stindl ist einer der besten Zehner der Liga, der Steckpässe aus verschiedensten Passwinkel einfädeln kann. Jonas Hofmann, ein gestandener Bundesliga- und inzwischen etablierter Nationalspieler, der taktisches Antizipieren, das Gefühl fürs Anlaufen, aber auch mit Ball das Gespür für tiefe Laufwege besitzt. Ein perfekter Partner für den Kapitän.

Christoph Kramer ist ein zuverlässiger Bundesliga-Spieler, der für Ruhe und Ordnung auf dem Tableau steht. Seine Präsenz nach der Einwechslung war gegen Eintracht Frankfurt ausschlaggebend für die Beruhigung eines mitunter chaotischen Spiels.  Besonnenheit hielt wieder Einzug in die Ballzirkulation der Borussen. Aber auch CK6 ist kein 6er, der Hütters Prinzipien gegen den Ball umsetzen kann. Dafür fehlt es ihm an Schnelligkeit und Physis von Kone und Zakaria. Das muss er auch gar nicht: Der 30-Jährige ist ein spielintelligenter 6er, der das Spiel lesen, Passwege und Räume schließen und in allen Spiellagen Ordnung geben kann. Ein defensiver Raumdeuter – ein Anti- Thomas Müller, der nicht ins Hütter-System passt.

Das Ende der letzten Saison 20/21, die EM-Teilnahme und die damit verbundene kurze Auszeit vom Profialltag und die kurze Saisonvorbereitung ließen den Verdacht zu: Florian Neuhaus ist überspielt – und zwar merklich. Doch sind die Risiken in Flo Neuhaus Passspiel wirklich so groß oder passt der Nationalspieler einfach nicht genug zu Hütters Philosophie? Ist er physisch nicht stark genug, um auf dem ganzen Feld Mann gegen Mann pressen und decken zu können?

Auch Alassane Plea definiert sich über sein Spiel mit dem Ball, nicht gegen ihn. Kann man einen 28-Jährigen, spielstarken Spieler wirklich dazu bringen, dass er nun viele und weite Wege machen soll, die er vorher nie gemacht hat? Natürlich gilt es für jeden Spieler, seine Grundprinzipien zu erfüllen. Die Basics müssen immer und jederzeit stimmen.

Borussias Kader passt nicht zu Adi Hütter

Adi Hütter fordert eine enorme defensive Wucht und Physis, so wie es die Frankfurter „Büffelherde“ tat? Borussias Kader ist auf eine spielstarke Spielphilosophie ausgelegt, dessen Gegenpressing sogar eines der besten in den vorherigen Spielzeiten war.

Die im vergangenen Sommer geplanten Transfers möchte ich an dieser Stelle nicht erneut betonen.

Adi Hütter versucht die Frankfurter Spielmuster in Mönchengladbach beinahe identisch umzusetzen. Kann er aus Fohlen Büffel machen? Wir denken nicht!

Die Borussia muss in ihrer Spielanlage wieder back to the roots!

Wir möchten Lucien Favre nicht zurück. Versteht uns nicht falsch: Wir lieben den Schweizer Magier, der detailversessen, wie ein Uhrmacher, an seiner Spielweise arbeitet, aber er passt nicht mehr zum Fußball, der momentan in Deutschland praktiziert wird. Es gibt jedoch Teams, Trainer und Spielanlagen, die eine Symbiose aus Favres Spiel mit Ball, Heckings Geduld und Roses Offensivwucht verkörpern; die Borussia-like spielen. Ein nicht auf dem ganzen Spielfeld-gespieltes Mann gegen Mann, sondern ein Ballbesitz fokussiertes Spiel, das besonnen und mit Plan, aber doch mit Schärfe nach vorne spielt und gegen den Ball bissig agiert, um diesen unmittelbar nach Ballverlust wieder zu bekommen.

Adi Hütter definiert sich über das Spiel gegen den Ball. Er möchte nach Ballgewinn umgehend und blitzartig umschalten. Der Versuch Joe Scally und Luca Netz ein Filip Kostic Kostüm überzuziehen, das beiden nicht passt, kann nicht die Lösung sein. Die Idee, das Spiel mit Ball zu forcieren, wieder back to the roots zu kommen, bedeutet nicht, das Spiel gegen den Ball zu vernachlässigen.  Man kann das Spiel mit Ball automatisch so auslegen, dass man im Falle des Ballverlusts umgehend ins Gegenpressing übergeht. Auf diese Mannschaft, die so oft mit Intelligenz und Spielwitz glänzte, wäre dieses Spielsystem perfekt zugeschnitten. Diese Mannschaft ist keine sprint- und physisch intensiv-spielende Büffelherde, sondern eine Fohlenelf, die es taktisch versteht, in richtigen Momenten in den richtigen Räumen zu sein. Wie dieser Fußball aussehen kann und welche Trainer dafür stehen, sind nicht unbekannt!

Diese Trainer stehen für den Stil, der zu Borussia passt

Julian Nagelsmann beweist aktuell in München, wie es geht. Auch Erik ten Hag ist ein perfektes Beispiel dafür, eine Mannschaft auf die Ballbesitzphasen- und Gegenpressingmomente vorzubereiten. Der Trainer, der es in der letzten Vergangenheit nahezu im perfekten Stil spielen ließ, heißt Thomas Tuchel und ist seit dem 26.01.2021 Trainer des FC Chelsea. Der deutsche Trainer hat eine Mannschaft übernommen, die er nicht zusammengestellt hat. Eine Mannschaft voller Topstars mit verschiedenen Spielerprofilen, die er inmitten in einer laufenden Saison übernahm. Er verstand die Stärken und Schwächen der Mannschaft und ließ einen Ballbesitzfußball spielen, der dabei nicht seine Vertikalität verlor. Der 6er Jorginho, der nicht für Schnelligkeit, Wucht und Physis bekannt ist – sondern für taktische Raffinesse und Stellungsspiel – war dort der absolute Dreh- und Angelpunk dieser Mannschaft, um Gegenpressing und Ballbesitz miteinander zu verbinden. Man könnte ihn mit einem Augenzwinkern den italienischen Christoph Kramer nennen.

Zsolt Löw ist einer für die Borussia

Zsolt Löw habe ich bereits am 14.03.2021 thematisiert, als Max Eberl zu diesem Zeitpunkt noch den Nachfolger von Marco Rose suchte. Zsolt Löw war 2014 Co-Trainer von Adi Hütter in Salzburg und ist seit 2018 Co-Trainer von Thomas Tuchel, beginnend in seiner Amtszeit in Paris. Seine Vita, unten nach Textende in Bilddateien dokumentiert – ist äußerst interessant.

Der 41-Jährige durchlief die komplette RB-Schule, samt dem „Farmteam“ FC Liefering, nachdem er bereits als Spieler unter Ralf Rangnick bei der TSG Hoffenheim spielte. In seiner RB-Zeit (Liefering, Salzburg und RB) hatte es der Ungar hauptsächlich mit jungen Spielern zu tun, die ans Profigeschäft herangeführt und weiterverkauft oder -verliehen wurden.

Auch in Paris, als die Ansprüche stiegen, konnten sie immer wieder Talente fördern und in die mit Superstars gespickte erste Mannschaft integrieren. So z.B. Stanley Nsoki, Colin Dagba und Christoher Nkunku (heute bei RB Leipzig, in der Saison 18/19 mit 29 Pflichtspieleinsätzen in der ersten Mannschaft von Paris integriert).

Thomas Tuchel lernte er auch in seiner Spielerzeit in Mainz bereits kennen, ehe Löw dort seine Karriere beendete. Diesen wollte Tuchel damals bereits als im Training mitspielenden Co-Trainer installieren. Das Projekt kam nicht zustande.
Gerade seine Zeit unter Tuchel, die nicht nur darauf beschränkt ist, zu attackieren, sprinten und anzulaufen, sondern einen Schwerpunkt auf die Stärken- und Schwächen einer Mannschaft legt, dabei aber nicht von den allgemeinen „Regeln“ in seinem Spiel abweicht, scheint uns eine sehr interessante Alternative für unsere Borussia zu sein.

Zsolt Löw wurde bereits mehrmals bei Bundesliga-Vereinen gehandelt. In Freiburg wurde spekuliert, ob er Christian Streich beerben könnte und bei der TSG Hoffenheim war dieser zusammen mit Sebastian Hoeneß vor Saisonbeginn 20/21 im erweiterten Kandidatenkreis.

Besonders interessant ist seine Aussage, die er im November 2020 bei einem Kicker-Interview tätigte: „Da ich mich mit dem Thema Cheftrainerposition beschäftige, habe ich Namen im Kopf – aber das bleibt intern, auch weil einige unter Vertrag stehen. (grinst)“

Ein junger, frischer – natürlich nicht allzu erfahrener Chefcoach – aber seit Jahren mit Einblicken in die ganz oberen Regale des Weltfußballs. Ralph Hasenhüttl, den seine gemeinsame Zeit in Leipzig (Co-Trainer unter ihm in 83 Spielen) mit Löw verbindet, sagte über ihn (11.05.2017 – in rblive.de):

„Löw ist ein wichtiger Bestandteil des Trainerteams. Er hat eine Art, die sehr einnehmend ist und bei Spielern gut ankommt. Er hat einen Blick für Details […] Ich sehe für ihn großes Potenzial, irgendwann Cheftrainer zu werden. Im Moment genießt er noch, dass er nicht ganz vorne steht und bekommt sehr viel Vertrauen. Das nutzt er auch auf eine beeindruckende Art und Weise.”

Über sich selbst sagte Zsolt Löw damals: „Ich bin noch ein junger Trainer, konnte in kurzer Zeit so viel erleben, wovon ich nicht zu träumen gewagt hätte. Was in den vergangenen fünf Jahren mit mir passiert ist, ist Wahnsinn. Ich bin sehr glücklich in der Rolle als Co-Trainer und genieße jeden Moment. Meine Aufgabe ist es derzeit noch, viel aufzusaugen und zu lernen.” Er sei noch nicht dazu bereit, Cheftrainer zu werden. Doch die Perspektive dazu sei vorhanden: „Natürlich kann ich mir das eines Tages vorstellen, wenn ich meine eigene Sichtweise von Fußball noch klarer entwickelt habe.”

Unsere Take Aways

Um diesen Text nun zu einem Ende zu bringen, wollen wir noch einmal betonen, dass wird daran glauben, dass Adi Hütter in Gladbach funktionieren kann.

Damit dies jedoch eintritt, müssen einige Justierungen vorgenommen und neue Impulse im Kader gesetzt werden.

Diesen harten Umbruch zu schaffen ohne dem die Seele zu rauben, wird ein Drahtseilakt. Das ist in der Hinrunde passiert. Das interne Gefüge ist zerschossen.

Wir halten die Radikalität des geforderten Umdenkens für die Ursache der Krise.  Für Max Eberl bleibt die Frage, ob das aktuell sinnvoll ist – aus Fohlen werden keine Büffel.

Teil 1/3
Teil 2/3
Teil 3/3

Idee und Text: Deniz (@BorussiaExpl)

Textliche Ausarbeitung: Matthias (@maetthimoped)

Mitgewirkt: Dr. Thomas Guntermann (@DocGee)



*Titelbild von @bmg.edits erstellt.

Bildquellen:
-> Zsolt Löw: „Chris Lee – Chelsea FC“
-> Adi Hütter: „Christian Verheyen“

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. schwerti

    In aller Kürze:

    Max Eberl steht für Kontinuität, auch und gerade auf der Trainerposition. Daher kommt ein Austausch von Hütter nicht infrage.

    Aber es gibt genug Beispiele – aktuell Glasner in FFM – der den Dreh gefunden und sich ein wenig adaptiert hat, was die Möglichkeiten der Spieler angeht.

    Von den 7 Mannschaften, die ihren Trainer ausgetauscht haben, haben Bayern und Dortmund ihren Level tabellarisch gehalten, wobei beide nicht in allen Wettbewerben gleich konstant sind. Dazu haben Leverkusen, Frankfurt und dazu Union mit altem Trainer ihr Niveau gehalten, allerdings auch alle mit Dellen, Höhen und Tiefen.

    Wir, RB und Wolfsburg sind abgestürzt, wobei die zwei Konzerne schon den Trainer gewechselt haben, aber das hat auch gar nichts gebracht, weil ein Schritt rückwärts gemacht wurde – RB.. Van Bommel wollte zu früh zu viel, dazu ließ er den Charakter der Mannschaft unberücksichtigt und verlor letztlich die Kabine.

    Alles das trifft auf Hütter nicht zu.

    Und wir: Nachjustieren, Annäherung der Trainerphilosophie an die Fähigkeiten der Mannschaft mit einhergehendem Formanstieg und kontinuierlicher Entwicklung. Hoffen, dass nicht zu beeinflussende Faktoren wie Verletzungen und Sperren uns weitesgegend verschonen und dabei alles das, was Borussia ausmacht, berücksichtigen. Ein dickes Brett, zu garnieren mit einer dicken Panade Geduld.

    Euch frohe Weihnachten.

    1. BorussiaExplained

      Hallo Schwerti,

      natürlich polarisieren Wir mit dem Artikel, haben uns bewusst für diesen Zeitpunkt, und auch für diese Wortwahl entschieden. Es soll die Fans zum Nachdenken anregen, was die allgemeine Spielphilosophie/ DNA des Vereins betrifft! Danke, für dein Feedback!✌🏼

  2. VFL

    Sehr treffende Analyse
    Adi Hütter ist kein schlechter Trainer, sogsr ein sehr guter aber er passt mit seiner idee von fussball nicht zum kader.
    Das hauptproblem liegt am Trainer, die Spieler/Vertragssituationen kommen nur oben drauf.
    Man kann einen kader nicht innerhalb von 1-2 transferperioden komplett umkrempeln, das wäre purer Wahnsinn, daher lieber einen passenderen trainer holen.

  3. Cider

    Ein guter Artikel, der meine Sichtweise auf Borussias Probleme nochmal geschärft hat. Daraus folgt das Borussias Scout’s und Eberl beim Trainer Scouting versagt haben. Sie holen einen Trainer der nicht zum “ Fohlen Fußball“ paßt.
    Nur wissen wir alle nicht , wer geholt worden wäre , hätte man im Sommer einen Spieler für über 20 Mio verkauft. Würden wir dann heute besser stehen? Sicher habt Ihr mit vielen recht. Aber ich meine Das Hauptproblem liegt in den Corona geschuldeten letzten drei verpatzten Transfair Perioden. Sie haben das Eberl System zerstört. Talente kaufen – gewinnbringend verkaufen – davon wieder Talente kaufen. Nun steht unser Sportdirektor hilflos und ohne Geld dem Problemen gegenüber. Zudem kommen Profis , die vorgaukeln Borussen zu sein , denn Verein aber seit zwei Jahre am Halfter durch den Ring ziehen. Ihre Verträge nicht verlängern und den Verein auflaufen lassen.
    Fazit: bleibt die Frage was ist günstiger : Sicher von Hütter trennen und einen Trainer holen der zum Team paßt holen? Oder den Kader säübern und Spieler holen die besser zu Hütter passen.

    1. Danke, für dein Feedback. Sicherlich wollen wir Adi Hütter nicht an den Pranger stellen. Um auf das Ende deines Kommentars zu kommen: Im Grundkern (Kramer, Stindl, Neuhaus, Hofmann, etc.) muss der Trainer passen, und nicht anders rum. Klar, täten dem Kader 2-3 Impulse gut, der Fußball bleibt dennoch der Gleiche. So denken Wir! Liebe Grüße, BorussiaExplained

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