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Julian Weigl – Scoutingbericht 21/22 – Der Ankersechser

Eine Analyse von Deniz (@DenizimHalbraum).

Julian Weigl und Borussia Mönchengladbach – Diese Kombination ließt sich gut. Seit dem 31.08.2022 steht dies auch offiziell fest. Gladbach leiht den Sechser für ein Jahr aus und hat nach Medienberichten eine Kaufoption enthalten.
Ein echtes Ausrufezeichen, welches die Borussia setzen konnte.

In diesem Scoutingbericht, geht es um die Profilbeschreibung von Julian Weigl und dessen Stärken, aber auch Schwächen, die sich in der letzten Saison 21/22 aufgezeigt haben. Der Scoutingbericht wird mit Daten von Wyscout zusätzlich unterstützt.

Datenüberblick

NameJulian Weigl
Geboren am08.09.1995 (26)
Größe1,86 m
Gewicht72 kg
Starker FußRechts
Pflichtspiele 21/2248
Tore 21/223
Assists 21/225
Gelbe/Rote Karten 21/2212 / 0
Vertrag bei Borussia bis30.06.2023 (inkl. Kaufoption)
Marktwert (laut TM.de)22 Mio. €

Heatmap 21/22 und Profilbeschreibung

Die Heatmap zeigt sofort, in welchen Zonen Weigl als zentraler Mittelfeldspieler seine Aktionen hat:
Besonders im Zentrum (im Mittelkreis vor und hinter der Mittellinie) taucht Weigl besonders oft auf. Die ersten Anzeichen darauf, auf welcher Position der Neuzugang bei Benfica Lissabon zum Einsatz kam.
Im 4-1-2-3 agierte der deutsche Nationalspieler als Ankersecher, vor zwei Achtern.

Weigl ist kein Achter, der auf der vertikale Linie (bzw. in Zwischenlinien) agiert, sondern, einer, der als Sechser auf der horizontalen Linie spielt.
Vom Sechser sind keine besonders viele direkte Assists zu erwarten, auch nicht die große Anzahl an Pässen in die Box.
Weigl gestaltet das Spiel, hat eine wichtige Rolle im Aufbauspiel. Gegen den Ball schaut Weigl, dass die Abstände zwischen den Linien und innerhalb der Linien eingehalten werden.

Der in Bad Aibling geborene Sechser fällt in der Spielgestaltung mit vielen Pässen ins letzte Drittel und mit progressiven Pässen auf. Die These des Spielgestalters lässt sich außerdem in der Statistik der „erhaltenen Pässe“ bestätigen:

Daten pro Spiel 21/22Schussvorlagen2nd & 3rd AssistsPässe in die BoxPässe ins letzte DrittelProgressive PässeErhaltene Pässe
Weigl0,24 (Rang 26)0 / 00,97 (Rang 19)8,54 (Rang 5)7,6 (Rang 6)40,82 (Rang 2)
Vergleich zwischen 34 Sechsern (mit mind. 1000 Ligaminuten im Einsatz) der portugiesischen Liga; Quelle: Wyscout


Positionsspiel: Der „Verbindungssechser“

Weigl sucht in seinem Spiel die Ballnähe. Es gibt Sechser, die zum Beispiel in 4-1-2-3 Strukturen, im Zentrum statisch agieren.
Weigl ist im Spiel dynamisch auf seiner horizontalen Linie unterwegs und schafft durch seine Anbindung auf der Ballseite stets für Passoptionen.
Vor allem gegen Pressingmannschaften, die besonders auf Ballseite durch personelle Überladungen Räume eng halten wollen, ist die Verbindung von einem Sechser, wie Julian Weigl, ein Ruhepol für das Team.

Sein dynamisches Positionsspiel auf dem Feld macht sich ebenso in der Kette bemerkbar.
Im später folgenden Videoabschnitt sind Sequenzen zu beobachten, wie Weigl zum Beispiel gegen Sporting, die intensiv und hoch pressten, dynamisch die Kette im rechten Halbraum füllte, um gegen die zwei Stürmer Überzahl herzustellen.

Weigl ist daran interessiert, das Spiel durch stetige Passoptionen zu kontrollieren und den Ballbesitz damit zu sichern.
Generell schafft es der Sechser sich in jeglichen Passwinkel anzubieten. Aus direkten Mannorientierungen der Gegner hat Weigl das Gefühl für freie Räume, um sich dorthin zu bewegen. Weigl als Element in Zwischenlinien, um das gegnerische Anlaufen zu brechen, wird für die Borussia wichtige Impulse geben.

Weigl im Positionsspiel; Quelle: Wyscout

Zwischenlinienverhalten

Julian Weigl hat in seiner Interpretierung im Zwischenlinienverhalten den Sinn, den Ballbesitz aus verschiedenen Spielsituationen zu sichern, indem er es schafft, in maximal zwei Kontakten den Ball zu verlagern.

In seinem Positionsspiel sind Besetzungen in Zwischenlinien elementar, um Gegner überspielt zu haben. Sein Aufdrehverhalten ist sehr flüssig und passiert technisch meist sauber.
Sein Zwischenlinienverhalten sorgt dafür, dass er beim Zuspiel meist in offener Stellung steht, somit beim Ballkontakt bereits das Feld vor sich hat.

Dies gibt dem spielstarken Sechser die Möglichkeit, je nach Gegebenheit, den direkten Tiefenball zu spielen, oder eben erneut zu verlagern.

Weigl in Zwischenlinien; Quelle: Wyscout

(Diagonale) Verlagerungen

Seine langen (diagonalen) Verlagerungen sind Markenzeichen von Julian Weigl.

Im unteren Videoabschnitt ist schnell zu erkennen, wie präzise Weigl teils aus dem Halbraum zum ballfernen Flügel raus spielt und dem Flügelspieler / Außenverteidiger den Ball in den Fuß spielt.

Dabei hilft ihm seine klare Übersicht auf dem ganzen Spielfeld, die er sich durch ständige Schulterblicke VOR den Zuspielen, einholt.
Das „Scannen“ auf dem Feld, gerade von Spielern im Zentrum, wie Weigl, ist wichtig, um dem besonderen Druck und der engen Raumdichte, gewappnet und vorbereitet zu sein.
Die Entscheidungsfindung kann sich Weigl damit teils vorher bereits nehmen, ehe er den Ball erhält.

Weigls (diagonale) Verlagerungen; Quelle: Wyscout

Weigls Spiel gegen den Ball: Viel Raumorientierung, schnelles Umschalten, wenige Ausbrüche im Pressing

Julian Weigl ist kein überragender Defensivzweikämpfer, der darauf spezialisiert ist, Gegenspieler und Ball aufzusaugen.
Der Neuzugang kommt über viel Stellungsspiel im Raum, im Deuten der Pässe des Gegners.
Dabei zeigt er auch, dass er gerne mal runter geht und zur Grätsche ansetzt, wenn die Seitenlinie im hilft, den Raum zu verengen, und das Risiko, überspielt zu werden, um ein Minimum gesenkt ist.
Mit 1,86 Metern Körperlänge erweist Weigl auch eine gute Kopfballrate in der portugiesischen Liga.

Daten pro Spiel 21/22Julian WeiglRang X / 34
Anzahl defensive Zweikämpfe6,8421.
Gewonnene Defensivduelle, %53,323.
Kopfballduelle2,3917.
Gewonnene Kopfballduelle, %56,528.
*PAdJ Grätschen1,525.
*PAdj Abfangen6,719.
Fouls1,9811.
Gelbe / Rote Karten 9 / 05. – 8.
Vergleich zwischen 34 Sechsern (mit mind. 1000 Ligaminuten im Einsatz) der portugiesischen Liga; Quelle: Wyscout

*PAdj Erklärung (klicke hier für den Link)

Das defensive Umschaltverhalten von Weigl ist sehr handlungsschnell und clever.
Nach Ballverlusten von Mitspielern orientiert sich Weigl zunächst im Raum und versucht in diesem den Handlungsspielraum des Gegenspielers zu verkleinern.
Aus der Raum- geht Weigl in die Mannorientierung, wenn er nicht als Pressingspieler selbst agiert, sondern in Absicherungsmethoden fällt.

Weigls defensives Umschalten; Quelle: Wyscout

Die Tiefensicherung ist vermutlich seine größte Stärke im Spiel gegen den Ball.
Weigl hat ein hohes Verantwortungsbewusstsein, wenn sich Räume ergeben, die durch Ballverluste und Ausbrüche der Mitspieler aufgetan haben.
Durch seine Körpergröße schafft er es oft den Ball mit dem Kopf abzufangen und damit den Konter zu unterbinden.
Generell agiert Weigl viel mit Spielintelligenz.
In einer der Szenen im gleich folgenden Videoabschnitt ist zu sehen, wie Weigl nach einem Ballverlust des Mitspielers auf den Flügeln nicht unmittelbar danach den Gegenspieler attackiert, sondern zunächst die Tiefe sichert, Raumdistanzen zu diesem einhält, weil er erkannt hat, dass die Kompaktheit zwischen den Mitspielern nicht gegeben war. Ein Überspielen – in diesem Beispiel anhand eines long-line Passes – wäre nicht ungefährlich gewesen.
Durch die zunächst passive Rückwärtsbewegung, dennoch im ständigen Kontakt zum Gegenspieler, konnte das Team an personeller Überzahl in Ballnähe gewinnen und Weigl attackierte diesen an der Seitenlinie.

Tiefensicherung des Sechsers Julian Weigl; Quelle: Wyscout

Der deutsche Nationalspieler ist sicherlich dabei nicht der Schnellste, der 35 km/h läuft, jedoch hat er die Hingabe und Bereitschaft dazu, diese Wege im Sprint zuzulaufen.

Weigls Hingabe und Bereitschaft, Räume zu schließen; Quelle: Wyscout

Entwicklungspotenzial im Spiel gegen den und mit dem Ball

Seine stetige Raumorientierung sorgt auch dafür, dass er in wenigen Situationen zu passiv wird.
Es gibt Situationen, in denen ein Ausbrechen – auch aus dem Zentrum – notwendig ist, um den Balldruck auf Gegenspieler erhalten. Sowieso, wenn Räume mittels Zustellungen und Rückwärtsbewegungen nicht geschlossen werden können.

Das Weigl manchmal Gefahr läuft, dann doch die eine Sekunde zu lang am Ball zu überlegen und zu schauen, ist für einen solchen Spieler nichts ungewöhnliches. Dennoch eine Entwicklungsstufe, die Weigl noch gehen kann.
Ballverluste in Zonen, in denen sich der Sechser oft aufhält, sind logischerweise von hoher Torgefahr.
Der Wille, den „perfekten“ Ball zum bestmöglich-stehenden Mitspieler zu spielen, kostet ihn in wenigen Momenten, die halbe Sekunde, ehe der Gegenspieler da ist.

Fazit: Gladbach gewinnt Qualitäten, die sie nicht hatten

Gladbach gewinnt einen Spieler, der nicht nur national seine Klasse bewiesen hat, sondern auch international durch Europapokal Einsätze und die Zeit bei Benfica Lissabon. Im März wurde Julian Weigl von Hansi Flick für seine starke Saison 21/22 belohnt, indem er wieder zur Nationalmannschaft eingeladen wurde.

Eine Achse auf dem Platz ist immer wichtig. Mit Julian Weigl erhalten die Fohlen einen, der viele Erfahrungen gesammelt und eindeutig Qualitäten nachgewiesen hat.

Nicht nur menschlich und charakterlich, sondern auch fußballerisch gewinnt das Team von Daniel Farke Qualitäten, die sie in dieser Ausprägung nicht besaßen.

Schaut man sich diverse Statistiken an, fällt auf, dass Gladbach viele exzellente Fußballer im Mittelfeldzentrum hat, aber keinen, der speziell den Spielmacher auf der horizontalen Linie spielt. Neuhaus und Kone kommen dem Profil nahe, haben allerdings den Drang auf der vertikalen Bahn zu schwimmen, und je nach Situation auch höher / tiefer zu stehen.

RangSpielerDurchschnittl. Passlänge von langen Bällen in MeterLange Pässe pro SpielAngekommene Passquote, %
1Weigl35,433,6763,75
2Itakura34,983,9558,90
3Neuhaus31,274,456,69
4Kone29,452,1253,85
5Kramer21,463,9748,94
Vergleich von langen Pässen zwischen Weigl und Gladbachs Mittelfeldspieler im Zentrum; Quelle: Wyscout

Die Passlängen von gezielt langen Bällen zeigt (Itakura muss hier besonders gesehen werden, da er auf Schalke in der Innenverteidigung gespielt hat), dass die Borussia diese Komponente aus tieferen Zonen, gebrauchen kann. Neuhaus und Kone sind technisch gute Spieler, die allerdings gerne aus der Reihe höher solche Bälle schlagen.
Zwar spielen Kramer und besonders Neuhaus öfter lange Bälle, eben aber kürzere und haben „dennoch“ eine schwächere prozentuale Quote, als Weigl.

SpielerLinienbrechende PässePässe in die BoxTiefenbällePässe ins letzte 1/3Erhaltene Pässe
Weigl0,280,870,628,1437,34
Neuhaus1,182,431,537,5935,85
Kone0,420,810,555,9331,87
Itakura0,150,870,684,9235,52
Kramer0,511,521,015,2435,92
Vergleich von Pässen zwischen Weigl und Gladbachs Mittelfeldspieler im Zentrum; Quelle: Wyscout

Alle Daten, die auf mögliche Torgefahr hindeuten, schlagen auf die Seite Neuhaus/Kone/Kramer (Linienbrechende Pässe, Pässe in die Box, Tiefenbälle). Das liegt daran, dass sie teils auch den Sechser geben können, sich aber mindestens genau so auf der Acht wohl fühlen.

Klare und in der Ausprägung spezifische Sechser Qualitäten erweist erneut Weigl (Pässe ins letzte Drittel, Erhaltene Pässe).


Mit Weigl gewinnt die Borussia Entlastung. Entlastung für die Achter. Oder für DEN Achter?
Mit Weigl ist die Borussia nun auch in der Lage (vorher auch mit Itakura, der ist scheinbar in der Innenverteidigung angesehen) 4-1-2-3 Strukturen zu spielen, in denen sich Neuhaus, Kone und Kramer um die zwei Achter Positionen streiten dürfen, bzw. Farke einen großen Werkzeugkoffer besitzt, in der sich manuell bedienen kann.
4-2-3-1/4-2-2-2 Strukturen sind mit Weigl logischerweise weiterhin möglich. Die Absicherung und Restverteidigung wird evtl. anders strukturiert, ist aber kein Hindernis für pro Weigl auf der Doppel-Sechs.

Egal, wie die Mannschaft zusammen gewürfelt wird:
Roland Virkus, Steffen Korell und das gesamte Team dahinter, haben in der Transferperiode große Arbeit geleistet.
Hut ab, Borussia!

Eine Analyse von Deniz (@DenizimHalbraum).

Eine Antwort auf „Julian Weigl – Scoutingbericht 21/22 – Der Ankersechser“

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