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Immer weiter mutig auf der Rasierklinge

Eine Rück- und Vorschau von

@borussiabarca und @DenizimHalbraum.

Für Daniel Farke war das Spiel in Freiburg das “mit weitem Abstand beste Saisonspiel”. Und tatsächlich: Borussia hat widrigen Umständen getrotzt und sich gegen einen Gegner in guter Form mit mutigem und klugem Spiel behauptet. Doch der nächste Stresstest der gerade wachsenden fußballerischen Struktur steht an: Am Samstagabend wartet mit RB Leipzig unter Marco Rose ein Spitzenteam auf dem Weg zu alter Stärke. 

#SCFBMG: Mit Kreativität und Mut den Kampf ums Zentrum gewonnen (@borussiabarca)

Um das Fazit des Trainers gleich mal aufzugreifen: Ja, Borussia hat unter suboptimalen Umständen (Verletzungspech vor und während des Spiels) in Freiburg die vielleicht reifste und intelligenteste Leistung der Saison erbracht. 

Lars Stindl ersetzte Lasso Pléa, Chris Kramer bildete mit Marvin Friedrich eine komplett neue Innenverteidigung und Julian Weigl übernahm den frei gewordenen Platz auf der Sechs. 

Mit dem Ball zeigte sich die Mannschaft von Beginn an hochmotiviert und im Positionsspiel experimentierfreudig: Vor allem Hofmann, Neuhaus und Stindl rochierten permanent und holten sich viele Bälle tief ab. Koné und insbesondere Julian Weigl unterstützten hingegen den Aufbau, um Überzahlsituationen zu schaffen. Auch wenn nicht alles perfekt abgestimmt war: Weigl, der erst anderthalb Wochen mit der Mannschaft trainierte, zeigte von Beginn an große Bereitschaft zur mutigen Spieleröffnung durchs Zentrum. So schaffte es die Mannschaft immer wieder die fast durchgängig aggressiv und hoch anlaufenden Stürmer Freiburgs zu überspielen. 

In der Spielfortsetzung zeigte dann vor allem der Kapitän seine Stärken: Stindl spielte sehr weiträumig und hielt seine Position links im Mittelfeld eigentlich nur gegen den Ball konsequent. Er bewegte sich gut zwischen den Linien und brach diese so ein ums andere Mal. Borussia gewann so im Ballbesitz eine Vertikalität, die ihr bisher gegen kompakte Gegner noch etwas zu häufig abgegangen ist. 

Während Freiburg fast ausschließlich über die Außen aufbauen konnte, beherrschte Borussia das Zentrum. Vor allem in der ersten Halbzeit war Borussia so deutlich dominanter (Ballbesitzanteil von über 60 Prozent) und erspielte sich (!) zahlreiche Chancen. Freiburg versuchte den Spielfluß zwar durch Härte (Grüße an Kyereh, der den Platz nach sieben teils brutalen Fouls ohne Karten verlassen konnte) zu stören. Borussia reagierte aber auch darauf gelassen und sammelte zwischen der 35. und 45. Minute minutenlang ununterbrochenen Ballbesitz in der Freiburger Hälfte: Farke-Ball at its best!

In der zweiten Halbzeit verlor Borussia zwar nicht die Kontrolle, aber das Spiel mit Ball war deutlich weniger konstruktiv. Freiburg kämpfte sich über zweite Bälle und Zweikämpfe in die Partie und konnte sie offener gestalten. Die Viererkette um Friedrich und Kramer gab sich allerdings keine Blöße und verteidigte das meiste, das auf sie zukam, weg.

Das ist zum Einen eine starke individuelle Leistung, besonders für einen Mittelfeldspieler wie Kramer, der zurecht mit Lob bedacht wurde. Zum Anderen – und das ist noch wichtiger – hat aber die ganze Mannschaft Verantwortung für die Defensive übernommen: Dazu gehören nicht nur einzelne Spieler wie Jonas Hofmann, der bis zum Ende als erster Gladbacher anlief und den Aufbau der Freiburger stresste, sondern auch alle Anderen, die viele Umschaltmomente frühzeitig “löschten”, indem sie im Gegenpressing schon weit vorm eigenen Tor konsequent agierten. Diese Spielweise erfordert nicht nur Timing, sondern auch Überzeugung und Mut. Dieser Mut wurde allerdings belohnt: Freiburg gelang es über die gesamte Spielzeit so gut wie gar nicht tiefe Bälle durchs Zentrum zu spielen, um mögliche Tempovorteile gegen Borussias Innenverteidigung geltend zu machen. 

Genau dieses mutige präventive Verteidigen wird Borussia auch und gerade im Spiel gegen Leipzig mit ihrem unter Rose wieder geschärften vertikalen Spiel brauchen. Wenn Borussias Spieler ihre Stärken aber wie in Freiburg zur Geltung bringen und die eigenen Schwächen unbedeutend wirken lassen können, haben sie eine echte Chance und wir können uns auf ein offenes Spiel freuen. 

#BMGRBL: Mit Resilienz und Identität RBL schlagen! (@DenizimHalbraum)

In erster Linie müssen wir wissen, was uns sportlich mit Marco Rose und RB Leipzig erwartet, und das ist kurz gefasst: Einiges; so ehrlich müssen wir sein.
Mit Rose hat das Team eine neue Spielanlage, als unter Domenico Tedesco. Während Tedesco einen Spielansatz gegen den Ball pflegte, der sich auf Mittelfeldpressing beruhte, welches ab Höhe der Mittellinie in vorderster Front anfing, und mit Ball eher den aus RB-Sicht „konservativen“ Ballbesitz pflegte.
Mit Ex-Trainer Rose haben sich gewiss in den ersten beiden Pflichtspielen gegen den BVB und auswärts bei Real Madrid, Grundelemente im Spiel mit und gegen den Ball verändert.
Gegen den Ball agiert man zwar nicht blind im Angriffspressing, jedoch laufen die Leipziger nun deutlich früher an.
Das klassische 4-2-3-1 gegen den Ball war gegen Dortmund ein Thema, genau wie 4-3-1-2 Staffelungen.
Die Grundidee von Rose ist die Gleiche, wie in seinen vorherigen Stationen auch vertreten: Das Zentrum kontrollieren und aktiv bestimmen, in welchen Zonen der Gegner in ihrem Ballbesitz gelenkt wird.
Gegen Dortmund lief Werner gegen den anfangs gespielten 3-1 Aufbau, aus dem Zentrum im Bogen den seitlichen Halbverteidiger an.
Während Forsberg mannorientiert den Sechser (Bellingham) zustellte, presste Leipzigs ballnaher Sechser die fallenden Halbzehner (Reus/ Brandt) Dortmunds.
Szoboszlai und Nkunku positionierten sich in Halbräumen und schlossen somit vertikale Linien (Wolf), die die Halbverteidiger Dortmunds nicht bespielen konnten.
Somit kontrollierte Leipzig das Zentrum und lenkte den Gegner bewusst nach Außen.

Gegen Real Madrid wurde das Anlaufen zwar angepasst, hatte aber die selben Grundprinzipien vertreten, wie gegen den BVB auch.
Gegen Ancelotti´s 4-1 Aufbau agierte Forsberg auf einer Linie mit Werner, um die flache Kette kontrollieren zu können und gleichzeitig Tchouameni als zentralen Sechser aus dem Spiel zu nehmen.

In Madrid hatte die Elf von Marco Rose eine spielbestimmende Partie abgeliefert, in der sie zwei, oder sogar drei Tore hätten erzielen können.

Das Umschaltspiel ist in Leipzig ebenfalls ein Thema, welches sich in den ersten Spielen auf folgende Punkte runter brechen lässt:

  • Umschaltzentrale Forsberg oder einen der „Halbzehner“ mit einem vertikalen Pass finden
  • Tiefe in ballnahen und ballfernen Halbräumen, sowie auf einer Flügelseite (meist David Raum, weil dieser größere Stärken im offensiven Umschalten besitzt, als Rechtsverteidiger Simakan).

Wie können die Fohlen Leipzig schlagen?

Immer weiter mutig auf der Rasierklinge“ – Die Überschrift des Textes.
Die Borussia hat, unabhängig von ihren Gegnern, ihren Stempel nahezu in jedem Spiel aufdrücken können. Selbst gegen Bayern München, als das Spiel praktisch nur in der Hälfte der Borussia stattfand, hielten die Fohlen an ihren Prinzipien fest. Mit Ball konnte die Elf von Daniel Farke besonders gegen Schalke 04 und nun im Auswärtsspiel in Freiburg demonstrieren, wie kontrolliert und dominant sie auftreten können.

Diesen Stil beizubehalten, ist leichter geschrieben, als umgesetzt – jedoch geht es in jedem Spiel einzig und allein darum, bei sich selbst zu bleiben.

Die Fohlen brauchen logischerweise gegen den Ball eine gute Struktur im Gegenpressing, welche sich aus dem Positionsspiel mit dem Ball ableiten lässt (Thema: An dem Stil festhalten) und eine gute Tiefensicherung, um Werner, Nkunku und Raum zu kontrollieren.

Im Ballbesitz werden viele Verlagerungen helfen, um das intensive Pressing in Ballnähe zu umspielen und dennoch im richtigen Moment in die Formation hinein zu spielen:
Mit Konrad Laimer fällt den Gästen ein Schlüsselspieler im Zentrum aus.
Das darf der Borussia Mut geben.
Das Spiel auf den Außen aufzubauen kann auch eine Chance sein, welche die Dortmunder phasenweise demonstrierten:
Diagonale Passfenster von Meunier auf Modeste in die letzte Linie, wurden bewusst frei gelaufen, um ins Zentrum zu gelangen (Modeste ließ auf die Achter oder Zehner klatschen) oder direkt in die Tiefe weiter zu spielen:

Vielleicht sind das Mustervorlagen, die dazu verleiten können, Stindl im letzten Drittel als Zehner auflaufen zu lassen, um von Thuram und Hofmann über die Halbräume Tiefe zu geben (Mögliche 4-Raute-2 Formation).

Fazit

Mut und Resilienz, Fohlenwerte schaffen und beibehalten, das Stadion aufkommen lassen und in jeder Aktion brennen. Fußball spielen. Das ist Borussias einfache und zugleich komplizierte Aufgabe gegen Leipzig.

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