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Gladbachs erste Niederlage unter Farke in der Analyse

Die Borussia verlor erstmals unter Cheftrainer Daniel Farke ein Spiel. Seit der Vorbereitungsphase und den ersten vier Bundesliga Spieltagen war die Fohlenelf ungeschlagen.

In der heutigen Analyse werden primär die ersten 60 Minuten beleuchtet, die für Gladbach phasenweise problematisch liefen.

Eine Analyse von Deniz (@DenizimHalbraum).

Gladbachs Anlaufverhalten zu Beginn; Mainz´ gefährliches Flügelspiel

Die Borussia musste, anders als bisher gewohnt (Ausnahme gegen Hoffenheim), gegen eine 3er-Kette des Gegners anlaufen.
Die Struktur vom sonst anlaufenden 4-4-2/4-2-3-1, verschob sich auf ein 4-2-1-3. Plea, Thuram und Hofmann liefen situativ die Verteidiger der 3er-Kette an; ballfern waren leichte Absicherungsmethoden zu erkennen, wenn sich der Flügelspieler in die Linie einreihte, in der Kone und Neuhaus positioniert waren.

Mainz baute selten flach aus dem Spiel heraus auf. Meist schlug Zentner den Ball lang, der von Onisiwo oft abgelegt oder im zweiten Ball gewonnen werden konnte.
Aus der kompromisslosen Überbrückung im Aufbauspiel entstand Spielkontrolle auf Höhe der Mittellinie, in der Gladbach besonders über die Außen keinen Zugriff bekam.

Der FSV hatte einen klaren Matchplan, der sich strukturell auf zwei Punkte fest machen lässt:

  • Tiefe hinter Bensebaini, durch personelle Überladungen auf dem rechten Flügel, attackieren
  • Das Nutzen der fehlenden vertikalen Kompaktheit der Fohlen

Gladbach agierte im tieferem Block in klassischen 4-2-3-1 Strukturen, in denen die Außenverteidiger nominell die Flügelverteidiger (Widmer und Martin) pressen sollten, um diese zu Rückpässen auf die Halbverteidiger zu zwingen, damit die Flügelspieler Plea/ Hofmann diese pressen konnten.

Tiefe hinter Bensebaini; Burkhardt läuft ein

Deutlich wird in einer anderen Szene, welche Idee Bo Svensson im Ballbesitz verfolgte:

Widmer sollte durch seine Positionierung ein Pressingauslöser für Bensebaini sein, der dann auf ihn rausschob.
Die im Rücken frei werdenden Räume auf dem Flügel, versuchten die Stürmer Onisiwo und Burkhardt zu attackieren, die umgehend von langen (Chip-)Bällen der Verteidiger, oder über die Sechser gefunden wurden.
Die Überladungen auf den Flügeln zwangen die restliche Kette der Fohlen zu einem starken Einrücken, welches Mainz in der vorher ausgespielten Tiefe, am zweiten Pfosten (meist Lee als Zielspieler) bestrafen wollte.

Andere Szene: Onisiwo und Burkhardt attackieren die Tiefe hinter Bensebaini
Screenshot: Fohlen.TV

Gladbach hatte innerhalb der Ketten gute Abstände, so auch innerhalb der vertikalen.
Dass die Fohlen gegen den Ball gerne das Zentrum kontrollieren, wurde nicht nur in München eindeutig erkennbar.
Der FSV nutzte allerdings die freien Flügel geschickt, und offenbarte dann in dynamischen Situationen doch eine fehlende vertikale Kompaktheit zwischen Gladbachs Außenverteidiger und Flügelspieler.

Als Hack in der 9. Minute den Ball auf den hoch geschobenen Martin spielte, konnte Scally nicht zu diesem rausschieben, weil er von Lee fest gebunden wurde.
Kramer konnte/wollte das Zentrum nicht frei geben; Neuhaus und Hofmann hatten zu weite Wege zurück, um Balldruck erzeugen zu können.

Rückte Scally verspätet raus, nutzte Onisiwo (wieder Überladungen auf dem Flügel), die typischen Schnittstellen zwischen Außen- und Innenverteidiger aus, und hatte quasi permanent Tiefgang.

Im letzten Drittel spielte der FSV viele Flanken, die den zweiten Pfosten bewusst angepeilt hatten.
Mainz flankte im Spiel 29-Mal. Zum Vergleich: Gladbach 7-Mal.

Mainzer intensives Pressing bereitete Gladbach Probleme

Mainz presste besonders in den ersten 15 Minuten sehr früh und aggressiv, sodass die Gäste auf einen PPDA-Wert von 3.6 gelangen (in der Anfangsviertelstunde).

Svensson ließ Mainz in typischen 3-4-2-1 Strukturen anlaufen und pressen.
Während Onisiwo Druck auf zentrale Ballführer ausübte und somit auf eine Seite lenkte, presste jeweils der ballnahe „Zehner“ (im unteren Beispiel Burkhardt) den Innenverteidiger (Elvedi), während der ballferne Zehner (Lee) ins Zentrum einrückte, und Kamer mannorientiert zustellte.
Somit hatte BMG wenig Optionen auf flache Pässe.
Das hatte Gladbach eingeplant, dies merkte man an der Raumaufteilung.
Kohr brachte man in strukturelle Zustellungsprobleme, indem er sich zwischen Neuhaus und Plea entscheiden sollte.
Zu diesen Problemen kam es aus Mainz Sicht nicht, weil a) Kohr eine gute Anbindung im Raum zu beiden Gegenspielern hatte, und somit schnell auf Pässe reagieren konnte, und, b), weil Gladbach selten den langen Ball ablegen, oder im Kampf um den zweiten Ball festmachen konnte.

Gladbach wollte den freien Fuß (meist Neuhaus) durch gezielte Ablagen finden, die sich durch die personelle Überzahl im Zentrum (ausweichend in Halbräume) ergaben.

Chancenkreierung der Fohlen aus Umschaltmomenten

Chancen ergaben sich aus dem Spiel, wenn Gladbach ihre langen Bälle unter Druck ablegen konnte.
Mainz stellte zum Beispiel in der 30. Minute bei eigenem Einwurf tief in Gladbachs Hälfte mit Leitsch und Hack hoch zu, zudem waren beide Wingbacks hoch gerückt, sodass Hack alleine in der Restverteidigung agierte.
Thuram konnte über freie Räume auf Außen bis in die Box hinein gehen.

Sonst war die Borussia eher im Umschaltspiel gefährlich, als man Flanken zu verteidigen hatte. Mainz füllte die Box mit viel Personal, sodass Kramer und Kone zusätzlich in der Boxverteidigung gefordert waren.

Leitsch trat über den Ball, als Kone nach einer verteidigten Ecke, den zweiten Ball rausschlägt. Thuram lief über das ganze Feld alleine auf das Tor zu (33. Minute).

Plea konnte nach Umschaltspiel (Gladbach konnte eine Flanke durch Elvedi klären; Kone und Kramer leiteten den Konter ein) Neuhaus hinter der passiven Kette finden und dieser auf Thuram ablegen (43. Minute).

Gladbachs Probleme im Aufbauspiel

Die Elf von Daniel Farke baute aus gewohnten Mechanismen auf (2+1, 3+1).
Die letzte Linie band man mit vier Spielern (Scally, Hofmann, Thuram und Bensebaini). Neuhaus und Plea sollten in den Halbräumen zwischen den Linien gefunden werden.

Aus verschiedenen Gründen kam es selten dazu, dass die eben erwähnten Zielspieler den Ball in den Fuß bekamen:

  • Gladbachs Sechser Kramer und Kone bewegten sich suboptimal
  • Folge war, dass Scally und Bensebaini frühzeitig aus der letzten Linie rücken mussten, um kurze Verbindungen herzustellen, nachdem Gladbach aus dem Zentrum geschoben wurde.

Mainz vorderes Anlaufen hatte vorteilhafte Winkel, die es schafften, Gladbachs zentrale Sechser, vor der Kette, im Deckungsschatten zu behalten.
Ein Teil der Wahrheit ist allerdings auch, dass sich Kramer und Kone in ihren Positionen suboptimal bewegten.
Während Kramer in der ersten Linie meist früh rausschieben wollte, um im Spielübergang wieder für Anbindung zu sorgen, war Kone stets im Zentrum geschlossen (hinter Onisiwo).
Wenn Kramer sich ballfern zu früh raus bewegte, um in Halbräume zu stoßen, war Gladbach ballnah isoliert, dadurch, dass Kone keine aktiven Freilaufmuster hatte.
Verlagerte BMG wieder zurück, musste Kramer in Rückwärtsbewegungen Bälle annehmen.

Die Folge war, dass sich Scally oder Bensebaini, je nach Ballseite, zurück bewegten, die dann von den Wingbacks der Mainzer mannorientiert verfolgt wurden, und somit mit dem Rücken zum gegnerischen Tor keine Stellung besaßen, um vertikal, oder horizontal zu spielen.

Gladbachs Aufbau verbesserte sich nicht wirklich, allerdings gewann die Borussia mehr an langen Bällen, die Thuram ablegen konnte.
Generell schaffte es Borussia, durch ihre Umschaltbewegungen, Mainz´ Anlaufverhalten ein wenig zu beruhigen.

Ähnliche Probleme im Aufbau in der zweiten Halbzeit

Svensson ließ seine Mannschaft weiterhin anlaufen, schaffte besonders in den ersten fünf Minuten, dass Gladbach öfter den langen Ball suchte (suchen musste).

Manu Kone hatte eine unglückliche Partie hinter sich. Seine Freilaufbewegungen waren sehr statisch, oder zu spät ausgelöst.
In der unteren Abbildung ist zu erkennen, wie Mainz im beschrieben Muster presste. Die Distanzen innerhalb der vertikalen Linien waren zu groß, dass Kone dort eingreifen könnte.
Eine Verlagerung über Kramer wurde von Lee zugestellt, ballnah hatte man Überzahl.

Der Mut fehlte ein wenig im Aufbau. Ja, Risiko ist oft vorhanden, wenn Teams gegen hoch-pressende Gegner, flach bzw. mittels kurzen Verbindungen aufbauen wollen.

Allerdings waren in gewissen Momenten, im Pressing der Mainzer, Zeitfenster, in denen die Zwischenräume zu groß waren, um sie rechtzeitig zu schließen.
Chipbälle – vor allem ins Zentrum hinein – sind im Aufbau keine allzu vorteilhafte Variante, wäre im Einzelfall jedoch eine mögliche Alternative gewesen, die man auch bereits in der ersten Halbzeit in einzelnen Situationen hätte spielen können (Neuhaus im Halbraum im diagonalen Fenster).

Gladbachs Endspurt beeindruckend

BMG, das sollte diese Analyse definitiv nicht zum Vorschein bringen, war nie chancenlos – ganz im Gegenteil. Die qualitativ hochwertigeren Chancen hatte stets die Borussia (zur Halbzeit ein xGoal-Wert vom 0.9 zu 0.76 – nach 90 Minuten 1.77 zu 0.92).

Bensebaini hatte in der zweiten Halbzeit zwei Halbchancen nach Standards, Hofmann tritt einmal nach Zuspiel in die Box von Scally, über den Ball. Nach toller Kombination zwischen Hofmann und Stindl, blockte Mainz im letzten Moment, ehe der Angreifer zum Abschluss kam.

Gladbach fing sich nach 5-10 Minuten, als Itakura rot vom Platz musste.
Die Konterabsicherung war logischerweise nicht immer optimal, aber strukturell der Unterzahl geschuldet und vor allem ein bewusstes Unterfangen, da man im Offensivspiel keine Nachteile haben wollte.
Die Statistiken beweisen:

In den letzten 15 Minuten hatten die Fohlen 62% Ballbesitz, eine 63%-gewonnene Zweikampfquote und den höchsten PPDA-Wert in ihrem Spiel (7.3).

Das lag zum einen an der aufkommenden Passivität der Mainzer, die später auch im 5-3-2 gegen den Ball agierten, aber auch, dass mit Stindl mehr Positionsstruktur herein kam.
Mit Ngoumous Einwechslung (als rechter Wingback) spielten die Fohlen ein 3-4-1-1, mit Hofmann als linken Wingback, der die Tiefe belief.

Fazit

Gladbach hatte vom spieltaktischen Verlauf wahrscheinlich die schlechteste Saisonpartie hinter sich.
Die Probleme waren erkennbar und müssen logischerweise auch bearbeitet werden, wenn man in dieser umschaltfokussierten Liga, seinen Stempel aufdrücken will.
Umso beruhigender ist das Zeichen der Mannschaft, die trotz teils struktureller Probleme, in der Lage ist, Torgefahr und eine gewisse Konstanz im Verteidigen zu entwickeln.
Die Elf von Daniel Farke war ständig im Spiel, geriet nie in Panik, und wurde schon gar nicht verunsichert, von der durchaus aggressiven Gangart des Gegners.
Thuram hatte in der ersten Halbzeit alleine einen (laut Wyscout) xGoal-Wert von 1.38.
Eine besondere Situation.

Quelle: Wyscout

In Freiburg gilt es sich auf eine Spielanlage zu konzentrieren, die sich in Teilen mit dieser der Gäste vergleichen lässt.
Wobei der VFL gegen Freiburg auch gegen den Ball mehr gefordert sein wird, als im vergangenen Heimspiel.

3 Antworten auf „Gladbachs erste Niederlage unter Farke in der Analyse“

Ich habe mich während des tiefen Mainzer Aufbaupressings gefragt, warum sich nicht ein 6er, bspw. Kramer, neben einen der IV postiert, um durch Überzahl in der eigenen hintersten Linie die Mainzer Formation zu strecken, sie aus ihren Positionen zu ziehen und so den Raum vor deren Dreierkette zu überladen und zu bespielen.
Besonders spannend fand ich die Phase nach der roten Karte, wodurch sich die Spielausrichtung grundlegend änderte. Wir wurden nach Balleroberungen vertikaler, auch durch den hybriden Kramer. Mainz musste das Ballbesitzspiel annehmen, konnte nicht mehr so gut umschalten, weil sie nicht mehr konsequent pressten, sondern im Dreier-Mittelfeld flach standen und sich Hofmann im Duett mit Stindl in die Halbräume fallend verbindend und überladend bewegte. Die tiefen ballführenden Läufe und Passwege von Kramer und Neuhaus streckten dann auch endlich die Mainzer und machten deren eigenen Aufbauwege sehr lang. Daher sehe ich Neuhaus gerne eine Linie tiefer, was ja jetzt wieder der Fall sein wird, obwohl er sich von Spiel zu Spiel auf der 10 gesteigert hat.
Das ballverschiebende Verhalten bei Ballverlust unsererseits mit Stabilitätsfokus fand ich echt super. Stabil in Unterzahl können wir also auch schon. Fazit: Es wird uns noch öfter passieren, dass wir auf destruktiv pressende Mannschaften treffen, die unsere Ballbesitzzeiten auf ein Minimum reduzieren wollen. Diese Gegenautomatismen müssen wir noch entwickeln, aber stehen auch erst am Anfang unseres Weges. Nächste Prüfung im Schwarzwald.

Im Goaling war Mainz definitiv besser aufgestellt ( „Beim sogenannten Goaling wird gezählt, wie oft es einer Mannschaft gelingt, den Ball ins gegnerische Tor zu befördern. Der Clou: Teams mit einer höheren Goaling-Rate als ihr Gegner gewinnen zu 100 Prozent.“) Aber was war der eigentliche Grund für die Niederlage? Da hilft uns ein Zitat von Jürgen „Kobra“ Wegmann weiter. „ Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.“

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