You are currently viewing Das Spiel von Nähe und Distanz

Das Spiel von Nähe und Distanz

Auf verschiedenen Kanälen fordert BorussiaExplained seit Monaten einen wieder stärkeren Fokus auf das Spiel mit dem Ball. Aber was heißt das überhaupt? Ein paar grundsätzliche Gedanken über Fußball, wie wir ihn lieben.

Ein Beitrag von Florian (@borussiabarca)

Der Fuß und der Ball – Es ist und bleibt kompliziert

Fußball ist ein merkwürdiges Spiel. Menschen werden gezwungen sich ihrer besten und genauesten Werkzeuge zu entledigen, um es zu spielen: Denn weil es ihnen nicht erlaubt ist ihre Hände zu benutzen und sie den Ball deshalb nicht umgreifen und festhalten können ist es unmöglich den Ball dauerhaft zu sichern. Wenn wir einen runden Gegenstand mit den Füßen spielen, bleibt uns nichts anderes übrig als ihn immer wieder in eine von uns gewünschte Richtung zu bewegen. Das klingt vielleicht einigermaßen banal, ist aber eine Tatsache, die immer wieder ins Bewusstsein gerufen werden sollte: Wir passen den Ball nämlich nur zu unseren Mitspielern, weil wir ihn alleine mit unseren Füßen nicht sichern können – vor allem wenn wir durch eine Überzahl an Gegnern unter Druck gesetzt werden.

Im Fußball ist der Mensch also auf Kooperation angewiesen. Fußball ist alleine schon aus physikalischen Gründe ein Mannschaftssport: Auch der beste Einzelspieler kann den Ball nur in Bewegung halten und wird über eine Spielzeit von 90 Minuten nie allen seinen Gegenspieler entkommen können. Er braucht Mitspieler, die ihm den Ball und damit auch die Verantwortung für seine Obhut zumindest zeitweise abnehmen und ihm eine Pause gönnen.

Spielkontrolle ist deshalb immer eine Teamleistung und erfordert Solidarität, d.h. die Bereitschaft dem Anderen beizustehen, wenn er unter Druck gerät oder einen Fehler macht. Sie erfordert Nähe. Wenn von Kompaktheit gesprochen wird, ist genau diese Nähe gemeint: Nicht nur gegen, sondern gerade auch mit dem Ball sind kurze Abstände essentiell. Sie bieten die Möglichkeiten sich über kurze, einfache Pässe Sicherheit zu geben und sich der Bindung an die Mitspieler zu versichern. Es ist kein Kitsch, wenn man behauptet, dass jeder Pass eine Botschaft sendet. Jeder gute, saubere Pass ist eine freundschaftliche Geste, ein Geschenk an den Passempfänger und schafft mannschaftliche Geschlossenheit.

Toreschießen – Die schönste Versuchung, seit es Fußball gibt

Nun kommt es im Fußball natürlich nicht nur darauf an, den Ball möglichst lang in den eigenen Reihen zu halten. Lucien Favres Borussia wurde in schlechteren Phasen gerne vorgeworfen, dass sie sich im eigenen Ballbesitz verliere und das Toreschießen vergesse.

Dass der Gegner kein Tor schießen könne, wenn er den Ball nicht habe, ist eine oft unterschätzte Weisheit des modernen Fußballs. Es wird zu oft nicht verinnerlicht, dass der Ballbesitz in erster Linie eine defensive Maßnahme ist. Viele Beobachter*innen erwarten von ballbesitzorientierten Mannschaften offensives Spektakel und messen sie damit leider zu oft an falschen Erwartungen. Man muss sich nur die Berichterstattung über Pep Guardiola oder die spanische Nationalmannschaft zu Gemüte führen, die immer wieder vor Häme strotzt: Dabei kann man regelmäßig den Eindruck gewinnen, dass es nur darum ginge jemanden runterzumachen, der sich vermeintlich überschätzt habe. Ist das aber so?

Der Großteil der Tore im Fußball fallen nach Umschaltsituationen. Fußball ist und bleibt ein Fehlerspiel – und ohne Fehler würden nicht mehr, sondern weniger Tore fallen. Nur weil eine Mannschaft Wert auf hohen Ballbesitzanteile legt, ist sie noch keine offensiv denkende Mannschaft. Vielmehr ist es immer so, dass der Übergang in die Offensive Versuchung und Wagnis darstellt. Die Attacke des gegnerischen Tores gibt es schließlich nur, wenn man ein bestimmtes Risiko eingeht: Um sich dem gegnerischen Tor anzunähern ist es notwendig, kurzzeitig die eigene Kompaktheit aufzulösen. Jeder tiefe Pass, jede Flanke und jeder Torschuss sprengt die Struktur der eigenen Mannschaft und erhöht kurzzeitig die Distanz zu den eigenen Mitspielern, die sich vom Gegner, aber auch von den eigenen Mannschaftkameraden in den freien Raum lösen müssen.

Auch wenn jeder, der Fußball spielt, schon früh lernt, dass man die Räume gegen den Ball eng und mit Ball breit machen soll, gilt dies nicht in jeder Situation uneingeschränkt. Diese Regel bezeichnet vielmehr ein Ziel und kein Allheilmittel. Das Verhältnis von Nähe und Distanz im eigenen Aufbau ist Teil der allgemeinen Risikoabwägung im Fußball: Wie viel Distanz, also Tiefe und Breite, kann ich wagen, um den Gegner zu überspielen und wie viel Nähe brauche ich, um die Ballzirkulation zu gewährleisten und auf eigene Ballverluste reagieren zu können?

Unter Marco Rose hat Borussia es durchaus verstanden, den Raum im eigenen Ballbesitz zunächst bewusst zu verengen, indem mit Kurzpässen im Aufbau Gegner gelockt wurden, um anschließend über ballferne Mitspieler den nunmehr geöffneten Raum in anderen Zonen des Spielfeldes zu attackieren. So wurde nicht nur das Bedürfnis der Mannschaft nach Sicherheit im Spiel mit dem Ball bedient, sondern auch das Risiko für unnötige Ballverluste minimiert und Möglichkeiten für gezieltes Gegenpressing geschaffen. Mehr als alles andere war der Rose-Fußball bei der wahren Borussia deshalb auch Anknüpfung an das Erbe Lucien Favres, der den geduldigen Ballbesitzfußball erst nach Gladbach gebracht hat.  

Fußballspielen – Eine Frage der Überzeugung

Wenn wir und Andere also eine stärkere Besinnung auf die Stärke des aktuellen Borussia-Kaders als ballorientierte, technisch starke Mannschaft fordern, dann geht es uns nicht so sehr darum, mehr Spektakel, mehr Tore oder per se offensiveres Spiel zu fordern – im Gegenteil.

Ein Fokus auf Ballbesitz ist zunächst einmal Fokus auf Kontrolle des Geschehens auf dem Platz: Je mehr eine Mannschaft den Ballbesitz monopolisiert, desto mehr kontrolliert sie auch die Anzahl und Art der Umschaltsituationen. Sie reduziert diese nicht nur, sondern hat auch die Möglichkeit sie bewusst vorzubereiten, indem sie eigene und gegnerische Spieler zu einer bestimmten Zeit in bestimmte Bereiche des Spielfelds lenkt. Das Gegenpressing a la Klopp oder Guardiola, das sich so viele zum Vorbild nehmen (und so wenige richtig verstehen), ist ohne Vorbereitung im Ballbesitz nicht denkbar.

Genau daran krankt nicht zuletzt Philosophie der RB-Schule: Sie pflegt das Spiel mit dem Ball weitaus weniger als das Spiel gegen den Ball. Die Vorbereitung der Pressingsituationen mit Ball versucht sie durch aggressives Anlaufen des Gegners gegen den Ball zu kompensieren: Die Folge ist (wie in der Bundesliga zu beobachten) die krasse Zunahme von Umschaltsituationen bzw. eine Chaotisierung und Spektakularisierung des Spiels an sich. Dass gerade das sportliche Werbeprodukt eines Herstellers von Energy-Drinks eine solch effekthascherische Art des Fußballs promotet, sollte niemanden überraschen, sondern vielmehr Skepsis gegenüber dieser Fußballphilosophie erzeugen.

Klar ist jedenfalls, dass so eine Herangehensweise an das Spiel eine bestimmte Art von Sportlern erfordert: Wenn es vor allem auf die Sprint- und Zweikampfstärke ankommt und das kontrollierende Spiel mit Ball zweitrangig ist, benötigt man eher Athleten als Fußballspieler, Physis statt Intelligenz, dicke Waden statt feine Füße.

Wollen wir aber Leichtathletik oder Fußball gucken, wenn wir in den Borussia-Park gehen? Genau das sollten sich alle überlegen, die es mit Borussia halten. Der Wechsel vom Ballbesitz- zum Pressingparadigma ist keine rein technische Angelegenheit oder nur marginale Anpassung, sondern eine Frage der Überzeugung. Wovon träumen wir Boruss*innen, wenn wir von Fußball träumen?

Zurück in die Zukunft

In der Vergangenheit hat Borussia jedenfalls nicht nur deshalb so begeistert, weil die Vereinsführung innerhalb weniger Jahre aus geringen Mitteln großen Erfolg generieren konnte, sondern auch weil Spieler bei uns über sich hinauswachsen und das Beste aus ihren Stärken machen konnte. Wer hätte erwarten können, dass Tony Jantschke, Roel Brouwers oder Patrick Hermann mehrere Jahre europäisch spielen würden? Das ist ihnen nur gelungen, weil sie vor allem mit Lucien Favre, aber auch Dieter Hecking und Marco Rose von Trainern betreut wurden, die verstanden haben, dass sie vielleicht nicht die besten Individualisten, aber exzellente Mannschaftssportler, großartige, intelligente Fußballspieler sind. Sie durften einen Fußball spielen, der ihnen Schwächen verzieh, sie auf dem Platz mithilfe des Balls die Nähe und Unterstützung ihrer Mitspielern spüren und in einem Kollektiv wachsen ließ. Nur so konnten sie sich mit den besten Spielern der Welt messen – und bestehen.

Viele Spieler, die mit diesem Fußball groß geworden sind (und ihn wie Christoph Kramer öffentlich lobpreisen), sind immer noch Teil des Kaders. Sie werden keine Sprint- oder Pressingmonster mehr. Aber sie wissen, wie der Mannschaftssport Fußball funktioniert.

Gebt ihnen endlich den Ball zurück!

Schreibe einen Kommentar