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Chelseas Anlaufverhalten gegen Liverpool als Idee für Adi Hütter & BMG

Idee und Text: (@BorussiaExpl)
Textliche Ausarbeitung: (@maetthimoped)

Das Topspiel am 02.01.22 in England war für den neutralen Fan ein Zuckerschlecken. Beide Teams spielten offensiven Fußball. Das Spiel hat mich dazu veranlasst, gewisse Muster im Anlaufverhalten von Chelsea zu untersuchen und diese mit Borussia Mönchengladbach zu vergleichen, um Schlüsse ziehen zu können. Auch deshalb, weil die Elf von Thomas Tuchel, wie die Fohlen meist in dieser Saison, mit einer 3er-, respektive 5er-Kette spielen.

Chelseas Muster im Anlaufen gegen Liverpool FC:

Die oberste Prämisse des Anlaufens ist das Zustellen der Passwege der jeweiligen Zielspieler im Aufbau des Gegners. In Fall des FC Liverpool war es vor allem der 6er Fabinho. Das Zustellen des Brasilianers hatte zur Folge, dass James Milner sich als 8ter zusätzlich fallen ließ, um mit dem 6er und den beiden Innenverteidigern eine Überzahl gegen das Anlaufen der drei Stürmer des FC Chelsea zu bilden. Trotz Unterzahl geling den Blues das Zustellen, da sie eine Idee im Anlaufverhalten hatten –

Beispielszene in der 8. Spielminute:

Chelsea lief wie gewohnt in ihrer 3-4-3 Formation an. Der LFC hatte dem ein 4-3-3 im Aufbau entgegenzusetzen.  Die Elf von Thomas Tuchel war darauf bedacht, die Passwege zu den fallenden 6ern Liverpools im Anlaufen zu schließen.
Keeper Kelleher führte den Abstoß kurz aus und spielte den linken Innenverteidiger van Dijk an. Für Mason Mount war dies das Zeichen, van Dijk bogenförmig anzulaufen, um den Passweg zum ballnahen Außenverteidiger Tsimikas zu schließen (Abb. 1)

Abbildung 1

So war van Dijk gezwungen, zurück zum Keeper zu spielen (Abb. 2). Währenddessen orientierte sich Havertz zum fallenden 8ter James Milner, um den Pass auf diesen nicht zu ermöglichen.

Durch das Zustellen von Havertz, musste Pulisic zentral einrücken, da Fabinho weiterhin den 6er-Raum besetzte (Abb. 2 u. 3). So öffnete Pulisic zwar den Passweg von Kelleher zum rechten Innenverteidiger Konate, aber schloss den zum 6er Fabinho.

Abbildung 2
Abbildung 3

Nachdem Konate den Ball bekam, konnte Pulisic diesen anlaufen, weil er durch seinen Deckungsschatten den Passweg zu Fabinho im Anlaufen weiterhin geschlossen hielt (Abb. 4).

Abbildung 4: Passweg zu Fabinho geschlossen, durch den Deckungsschatten von Pulisic

Der Passweg zum RV Alexander-Arnold war theoretisch offen, aber praktisch nicht sinnvoll, da der linke Flügelverteidiger Chelseas – Marcos Alonso – den Engländer zustellte. So war Konate gezwungen, den langen eröffnenden Ball zu spielen.

Abbildung 5

Borussias Anlaufen im Auswärtsspiel in Leipzig

Der Unterschied im Anlaufverhalten der Elf von Tuchel und der von Hütter ist die Art und Weise des Anlaufens.
Christian Pulisic und Mason Mount liefen bogenförmig an, stellten mit ihrem Laufweg einen anderen Gegenspieler zu. Embolo und Co. laufen diesen frontal zu, sodass der Zweikampf eher zustande kommt, als das Abfangen eines gegnerischen Passes.


Beispiel Leipzig – 25. Minute:

Die Fohlenelf lief gegen die 3er-Kette der Leipziger mannorientiert an, auch in den hinteren Reihen war man bemüht im 1-gegen1 zu stehen. Embolo lief den linken Halbrauminnenverteidiger Gvardiol an. Stindl stellte den mittleren IV Orban zu. Im Rücken von Stindl löste sich jedoch Leipzigs 6er Laimer und schaffte so eine diagonale Anspielstation für Gvardiol. Der Pass konnte gespielt werden und kam beim Passempfänger an (Abb. 6, 7 u. 8), sodass die erste Pressingreihe überspielt war.

Abbildung 6
Abbildung 7
Abbildung 8

Wie hätte dieser Pass verhindert werden können – im Anlaufmuster Chelsea?

Eine neue Ausgangssituation wäre entstanden, wenn Embolo den ballführenden Gvardiol in einem linken Bogen angelaufen hätte (Abb. 9).

Abbildung 9

Was hätte sich dann verändert?

Dadurch hätte sich die Passoption zum zentralen Innenverteidiger Orban zerschlagen, da Embolos Deckungsschatten diesen geschlossen hätte.
Davon hätte Stindl profitiert, der Orban nicht mehr hätte zustellen müssen, sondern den näherstehenden Laimer (Abb. 10).

Abbildung 10

Gvardiol hätte nur noch die Passoption zu Kampl auf die linke Außenbahn gehabt. Die einzige Passoption für den Gegner, ist gleichzeitig die abgeschlossene Vorbereitung des Pressings, und der Übergang des Auslösens.

Hofmann presste Kampl, Scally rückte hoch zu Angelino. So verschob sich die Kette durchgehend, bis Bensebaini leicht einrückte, um die Kompaktheit der Kette zu halten.
Dieses Anlaufverhalten hätte zwar in erster Linie eine Unterzahl bedeutet, dafür aber im Mittelfeld eine 3-gegen-2 Überzahlsituation, bei gleicher Pressingstärke.

Abbildung 11

Borussias Ansatz – Fehleranalyse im skizzierten Aufbau der Leipziger

Natürlich gibt es auch in der „Hütter-Version“ Verbesserungsvorschläge.
Adi Hütter hat sicherlich von Manu Kone gefordert, die Situation zu erkennen, und Laimer anzulaufen. Dieses Verhalten halte ich aus verschiedenen Gründen für schwierig.

Abbildung 12

Die Distanz von Koné zu Laimer war weit. Laimer stand zunächst tief, hat sich erst spät aus der Position gelöst, sodass man ein früheres Antizipieren von Koné nicht verlangen konnte.
Durch die große Distanz, hätte Laimer den Pass schon verarbeitet und ggbfs. bereits weitergeleitet, eher der Franzose am Mann wäre. Dadurch hätten sich Lücken im 6er-Raum, neben Zakaria, aufgetan.

UND: Selbst wenn Kone rechtzeitig Laimer hätte pressen können, ist die Situation immer noch ein 1-gegen-1-Zweikampf, dessen Ausgang offen ist. Bei möglichem Ballgewinn muss dieser zunächst – aufgrund des Zweikampfes – verarbeitet werden, um diesen weiterzuleiten.
Wird das Duell verloren, ist ein Spieler der Fohlen überspielt und es entstehen Lücken.

Durch- und Absichern der zweiten und dritten Reihe Muster Chelsea

Chelsea stellt mit ihren Flügelverteidigern hoch zu. In Abb. 4 u. 5. ist zu sehen, wie hoch Alonso als LFV den Rechtsverteidiger Alexander-Arnold zustellte, sodass dieser nicht angespielt werden konnte.

Chelseas Durchschieben:

Pulisic lief wieder bogenförmig Konate an, schloss mit seinem Deckungsschatten den Passweg zum 6er Fabinho (Abb. 13).

Abbildung 13

Trent Alexander-Arnold rückte inzwischen in den Halbraum ein, da das Zustellen von Alonso das Passfenster auf den Außen schloss. Durch das Einrücken vom Rechtsverteidiger, wollte man Alonso wegziehen, um Salah freizuspielen.

Abbildung 14

Entscheidend war hier, dass das Durch- und Absichern funktioniert hat.
Rüdiger sicherte als linker Halbraumverteidiger gegen Salah bis in die gegnerische Hälfte durch, Alonso presste raumorientiert mit.
Wichtig in der Szene ist das Verhalten von Kovacic, der mit Henderson mitlief, und gleichzeitig Rüdiger absicherte.

Abbildung 15

Borussias Durch- und Absichern gegen Eintracht Frankfurt

Die Elf von Adi Hütter stellte mit ihrer 3er-Kette und Flügelverteidigern nicht so zu. Der Plan die Flügelverteidiger der SGE zu attackieren, fing dann an, wenn diese angespielt wurden.

Abbildung 16

Als N´Dicka zu Kostic spielte, griff Scally diesen an. Das Problem wurde dann deutlich, als Kone weiterhin gegen Kamada agierte, statt diesen Ginter zu überlassen, um selbst gegen 6er Sow zu pressen.
Kostic konnte in Abb. 18 dann das Pressing von Scally überspielen.

Abbildung 17
Abbildung 18

Wie hätte das Pressing besser ausgelöst werden können? – im Chelsea Muster

In Abb. 19 u. 20 ist die reale Ausgangssituation von Abb. 16 u. 17 nochmal dargestellt.

Abbildung 19
Abbildung 20

Ein konsequentes Zustellen der Flügelverteidiger gegen die der SGE, hätte dieser eine Passstation mehr beraubt. Als der zentrale Innenverteidiger Hinteregger den Pass zu N´Dicka spielte, und dieser zu Kostic, griff Scally an.
Stellt der junge Amerikaner Kostic direkt zu, kann beim Empfangen des Passes von N’Dicka das Pressing ausgelöst werden.
Die Passoption zu Kostic ist nicht möglich, bzw. praktisch nicht sinnvoll. Embolo kann Hinteregger aus seiner Position zustellen, wenn Neuhaus N´Dicka so anläuft, dass er Sow im Deckungsschatten hat. Selbst wenn dieser ihn nicht zustellen kann, könnte Benes oder Kone aus der Zentrale herausrücken, um Sow zu zustellen, weil im Zentrum eine 5-gegen-3 Überzahlsituation entsteht.

Abbildung 21

Fazit

Adi Hütter sagte in der Winterpause, Borussia habe zu viele Gegentore bekommen, da es unter anderem auch taktisch bisher nicht passte. Damit ist sicherlich nicht nur das Anlaufverhalten gemeint, jedoch stellt es einen elementaren Pfeiler in Hütters auf 1-gegen-1 Duellen basierenden Spielstiel dar. Werden jene Zweikämpfe gewonnen, kann gekontert werden. Nur Nuancen unterscheiden Thomas Tuchels Vorgehen, das eher Roses ähnelt, von dem des Gladbacher Übungsleiters. Es ist weder besser noch schlechter: Es ist anders.

Jedoch ist klar: Wenn die Spieler sich nicht an die Vorgaben halten wollen oder sogar können, bringt das beste Spielsystem der Welt nichts. Dann sollte man sich fragen: Ist das wirklich der richtige Ansatz für mein Team?

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. schwerti

    Hallo zusammen,

    danke für die prägnanten Beispiele der Pressingregeln gegen den gegnerischen Spielaufbau.

    Mir ist dazu noch ein weiterer wesentlicher Fehler aufgefallen: Um das Pressing abzusichern, fehlt es am kontinuierlichen Durchdecken bzw. am richtigen Timing des gegnerorientierten Verschiebens.
    Außerdem ist nicht klar, wer das Pressing auslöst, außer Hoffmann kümmert sich – salopp formuliert. Das ist mir besonders aufgefallen, als er gefehlt hat. Er hat die Spielintelligenz, um das gegnerische Pressingopfer auszumachen und den gegnerischen Ballbesitz/Spielaufbau dorthin zu leiten.

    Aufgrund der beiden Liverpooler Gegentore erhoffe ich mir von Euch eine Fortsetzung mit dem Titel “ Welche Abläufe müssen greifen, wenn die erste Pressinglinie überspielt ist?“ Dankeschön ;D

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