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Aller (Saison-) Anfang ist schwer – Taktikanalyse BTSV-HSV

Der Hamburger SV und dessen Trainer Tim Walter konnten das erste Saisonspiel 22/23 mit 0:2 in Braunschweig gewinnen.
Ein hartes Stück Arbeit, bei dem vor allem die ersten 20 Minuten ihr Übriges dazu beigetragen haben.
Jedoch hatte der HSV eine gute Ballbesitzanlage, die sie in der ersten Halbzeit im vor- und letzten Schritt nicht ausnutzen konnten.
Dies änderte sich in der zweiten Halbzeit, vor allem gewann der HSV mit der Einwechslung von Maximilian Rohr an Präsenz in Zwischenlinien, sowie Tiefe.

Der Hamburger SV und dessen Trainer Tim Walter konnten das erste Saisonspiel 22/23 mit 0:2 in Braunschweig gewinnen.
Ein hartes Stück Arbeit, bei dem vor allem die ersten 20 Minuten ihr Übriges dazu beigetragen haben.
Jedoch hatte der HSV eine gute Ballbesitzanlage, die sie in der ersten Halbzeit im vor- und letzten Schritt nicht ausnutzen konnten.
Dies änderte sich in der zweiten Halbzeit, vor allem gewann der HSV mit der Einwechslung von Maximilian Rohr an Präsenz in Zwischenlinien, sowie Tiefe.

Der Reihe nach.

Eine Analyse von Deniz (@DenizimHalbraum) vom @BorussiaExpl Team.

Der BTSV agierte im 5-2-1-2 Block, in dem vor allem im Zentrum Mannorientierungen von Pherai, Nikolaou und Krauße gegen Meffert, Reis und Benes zu beobachten waren.
Ansonsten agierte die letzte Linie passiv, die Halbverteidiger rückten selten raus, wenn, dann nur für die ersten Meter.
Phasenweise fiel Pherai in die Mittelfeldkette oder neben Nikolaou/Krauße, wenn Meffert höher schob.

HSV Aufbau

Der Hamburger SV baute aus einer 4er-Kette heraus, in der beide Außenverteidiger diagonal zum jeweiligen Innenverteidiger – eingerückt in Halbräume – standen.
Die relative Breite, die Muheim in der obigen Abbildung gab, band phasenweise Stürmer Kaufmann oder den Sechser Nikolaou/Krauße, welche das diagonale Feld zum ballfernen Reis öffnete.


Einzelne Absicherungsmechanismen der Kette entstanden durch Heyer, wenn Muheim auf dem linken Flügel ausbrach. Sonst war vor allem Meffert als Anker Sechser dafür verantwortlich, die Konterabsicherung zu gewährleisten.

Oft schob Heyer mit hoch, fand nach der ersten halben Stunde und in der zweiten Halbzeit den Halbraum in höheren Spielfeldzonen, was für den jeweiligen Achter Reis oder Benes bedeutete, ins Zentrum hinein zu rücken, oder den öffnen Raum zu besetzen, den die ausbrechenden Halbverteidiger der Gastgeber, hergaben.

Die HSV-Probleme im letzten Drittel

Zur Halbzeit verbuchten die Gäste 72% Ballbesitz, jedoch strahlten diese kaum Torgefahr aus.

Woran lag das?

Die beiden Achter und vor allem Benes agierten in der letzten Linie. Wenn dieser abkippte und einen der Halbverteidiger raus zog (der öffnende Halbraum) wurde diese Zone nicht gefüllt, weder von Kittel noch von Glatzel.
Dies war zwar nicht ungewollt, da Tim Walter gerne Räume reißt und sie dynamisch bespielt, in dem sie enge Räume spielerisch lösen und in diese wieder rein stoßen, allerdings fehlte die Verbindung zur letzten Linie, weil Glatzel sich kaum für Zwischenräume anbot. Der Stürmer hatte zur Halbzeit neun Ballkontakte.
Sein Verhalten im Zentrum wird in einigen Punkten auch gewollt sein, um die Innenverteidiger zu binden, und in Position sein zu können, wenn die Mitspieler die Räume attackieren und Tiefe finden.
Der Verbindungspunkt im Zentrum, um klatschen zu lassen, wäre allerdings eine interessante gewesen, um eine mögliche Verlagerung auf die ballferne Seite zu spielen, die durch Königsdörffer, Reis und Heyer in Überzahl besetzt war.

In der obigen Abbildung sind die Muster zu erkennen. Tim Walter reißt gerne die Räume zunächst auf, ehe er diese besetzt.
Die starke Besetzung des rechten Flügels reißt im Halbfeld Räume auf, die sie dynamisch besetzen sollen, indem diese sich raus kombinieren.

Der Mut, in den Situationen den Pass durchzuspielen, war eingangs noch nicht da.
Doch die Räume waren da, die Idee von Tim Walter war zu erkennen.

Einzelne Lösungen ergaben sich gegen Ende der ersten Halbzeit, in der erkennbar war, wie die Räume erst geöffnet und dann belaufen werden sollte.
Sechser Meffert löste sich dynamisch von der Mannorientierung des Zehners Pherai und attackierte den Raum im Halbfeld.
Heyers breite Positionierung und Königsdörffers Lauf sind, wie in den vorherigen Beispielen, die Dosenöffner.


Tim Walters Lösung: Tiefe Achter

Tim Walter passte das Positionsspiel der beiden Achter Reis und Benes an, indem diese die Anweisung bekamen, tiefer zu agieren und nicht in letzter Linie.
Während Kittel den rechten Flügelverteidiger Marx band, konnten Muheim und Reis die Überzahl gegen einer der Sechser ausspielen.
Durch die Positionierung von Benes, Meffert und Co. verschob die Mittelfeldkette der Braunschweiger, sodass die Seitenverlagerung zu Muheim gelang und in der erneuten Verschiebung der Halbraum und der Achter Reis gefunden werden konnte.

So konnten die Rothosen Verlagerung um Verlagerung spielen, dynamisch schoben die Achter (im obigen Beispiel Benes) hoch und besetzten die offenen Räume (die in diesem Beispiel durch Königsdörffer hätte bespielt werden können, wenn Heyer ihn gefunden hätte).

Das Einrückverhalten der Außenverteidiger wurde eingangs besprochen, half bei den Verlagerungen logischerweise.
Die Kette der Gastgeber verschob mehrmals, sodass sich zwangsläufig Räume und Schnittstellen ergaben, die von den Achtern attackiert werden konnte.

Wenn die Achter und Meffert Pherai, Nikolaou und Krauße banden, ergab sich für Muheim im Halbfeld der Raum.

Maximilian Rohr-Effekt

Der HSV gewann an Selbstvertrauen durch die Spielzirkulation, die den Gegner immer tiefer drang. Der Laufaufwand des Gastgeber war hoch.
Lediglich die Präsenz im letzten Drittel fehlte weiterhin, wie in der ersten Halbzeit.

Die Einwechslung von Maximilian Rohr, der für Laszlo Benes (61.) kam, gab mehr Präsenz in den Zwischenlinien und für Tiefgang.

Reis und Benes sind beides Spielertypen auf der Acht, die gerne entgegen kommen, den Ball in den Fuß gespielt haben wollen.
Anhand der Abbildung ist zu erkennen, wie vertikal vorliegende Zwischenräume und Schnittstellen nicht besetzt wurden.
Mit Rohr gewann der HSV unmittelbar und rund um den Strafraum mehr Präsenz, ehe Reis die Seite wechselte.

Rohr erzeugte für mehr Tiefgang, attackierte die Zonen.
Dies hatte zu Folge, dass er zusätzlich einen Gegenspieler (meist einer der Sechser) mit sich zog, und sich das Zentrum öffnete.

Waren zentrale Zonen besetzt, so erzeugten die Tiefenläufe das Fallen der gegnerischen Kette. Rund um die Box konnten Halbfeldverlagerungen gespielt werden, die den Druck auf den Gegner immens erhöhten.

Amaechi auf dem Flügel

Durch die Dominanz im letzten Drittel und der folgenden Müdigkeit des Gegners fand man besonders auf der rechten Angriffsseite häufig Eins-gegen-Eins-Duelle, die Flügelspieler Amaechi bestritt.
Heyer stand als Verbindungselement im Halbraum, überlief Amaechi bei dessen Ballbesitz, um Gegenspieler mitzuziehen und die Situationen für den Flügelspieler zu erzeugen.
So auch beim Tor, als Amaechi mit dem Antritt die Chipflanke ins Zentrum spielen kann.
Die Mischung aus dem gewonnen Selbstvertrauen, der damit verbundenen Dominanz in der Spielkontrolle und -tempo und der aufkommenden Müdigkeit des Gegners (viele Umschaltsituationen bereits in der ersten Halbzeit, sowie hohes läuferisches Pensum, ohne Entlastung in der zweiten), und den richtigen Einwechslungen von Trainer Tim Walter, war für den BTSV zu gefährlich.

Schlussgedanken

Der HSV war sicherlich nicht souverän. Die ersten 20 Minuten, in denen man vier Konterabschlüsse des Gegners zuließ, die allesamt aus eignem Ballverlust führten, waren für die Hanseaten gefährlich. Man überstand diese Phase und stabilisierte sich in den darauffolgenden 10-15 Minuten. In der zweiten Halbzeit gewann man an wirklicher Dominanz, die man zwar in der ersten Hälfte bereits auch teils hatte, diese aber zu inkonstant war, um den Gegner zu beeindrucken.
Auch in der zweiten Halbzeit erspielte sich die Elf von Tim Walter nicht dutzend Hochkaräter, jedoch schlug man in der gefährlichsten Spielphase, die ca. ab der 60. Minute begann, doppelt zu und gewann dieses Spiel.

Für Tim Walter, dem HSV und dessen Umfeld ein wichtiges Zeichen:
Auswärtssieg, zu Null, Stürmer trifft doppelt und dabei herrscht noch (verständlicherweise) Entwicklungs- und Verbesserungspotenzial.

Der HSV ist jedoch seit 21/22, mit Tim Walter, auf dem richtigen Weg.

Eine Analyse von Deniz (@DenizimHalbraum).

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